
Nietzsche und Weimar
Seit 1896 befindet sich das Nietzsche-Archiv in Weimar, seit 1897 in der »Villa Silberblick«, der heutigen Humboldtstr. 36. Nietzsches Arbeitsweise und die Herausgebertätigkeit des Archivs sind bis heute untrennbar miteinander verbunden. Der größte Teil seines Werkes besteht aus nachgelassenen Schriften, Notizen, Exzerpten. Das offene Philosophieren, das Experimentieren mit den radikalsten Gedanken seiner Zeit, blieb zunächst verborgen. Es bleibt das Verdienst Elisabeth Förster-Nietzsches, den über Deutschland, die Schweiz und Italien verstreuten Nachlaß gerettet und archiviert zu haben. Der Versuch jedoch, Nietzsches Philosophie zu kanonisieren und aus dem offenen Nachlaß ein System zu entwickeln (»Der Wille zur Macht«), wirkt bis heute. Seine Auseinandersetzung mit allen Tendenzen seiner Zeit spiegelt sich in seiner nachgelassenen Bibliothek und den noch nicht erschlossenen Randglossen. Indem man seine Lektüre ins Verhältnis setzt zu seinem Nachlaß, diesen zum veröffentlichten Werk, kann man die Schichten der Mißverständnisse abtragen, die sich über sein Werk gelegt haben. Weimar ist aus zwei Gründen der gebotene Ort für eine Auseinandersetzung mit dem Philosophen: Zum einen betreut die Klassik Stiftung Weimar den nahezu kompletten Nachlaß Friedrich Nietzsches einschließlich des Hauses, das ab 1897 das von Elisabeth Förster- Nietzsche gegründete Nietzsche-Archiv aufgenommen hatte. In der Herzogin Anna Amalia Bibliothek der Klassik Stiftung Weimar befindet sich die nachgelassene Bibliothek Friedrich Nietzsches. Die Nachberichte (kritischen Kommentare) Mazzino Montinaris zur Kritischen Gesamtausgabe der Werke, des Nachlasses und des Briefwechsels Friedrich Nietzsches haben innerhalb der Nietzsche-Forschung einen eigenen Forschungszweig begründet. Ausgehend von den Arbeiten der italienischen Forschungsgruppe „Nietzsches Bibliothek und Lektüre" erweist sich der Nachlaß Friedrich Nietzsches immer deutlicher als ein Mosaik des 19. Jahrhunderts. Dieses Mosaik läßt sich in Weimar anhand der Bücher Nietzsches und vor allem der darin enthaltenen Randglossen und Unterstreichungen rekonstruieren. Zum andern ging von Weimar in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ein wesentlicher — und entstellender — Einfluß auf die Rezeptionsgeschichte des Philosophen und Dichters aus. Der Ort dieser Entstellung Nietzsches Werkes soll, wie schon von Mazzino Montinari in den siebziger Jahren begonnen, auch Ort der Möglichkeit einer sich am tatsächlichen Nachlaß orientierenden Forschung sein.

