Instrumentalisierung kultureller Traditionen

Im Blick auf die dunklen Schatten, die Buchenwald auf Weimar wirft, setzt sich die Stiftung Weimarer Klassik nachhaltig mit der Frage auseinander, wie seit Ende des vorigen Jahrhunderts eine umgedeutete Klassik den Weg Weimars vom »genius loci« zum »Tatort« begleiten konnte. Im Oktober 1995 begann ein umfangreiches Forschungsprojekt, das die völkische und nationalsozialistische Instrumentalisierung der Klassik von 1885 (Gründung der Goethe-Memorialstätten) bis 1945 in Weimar analysiert. Die Volkswagen-Stiftung förderte diese Forschungen im Rahmen des Schwerpunkts »Diktaturen im Europa des 20. Jahrhunderts: Strukturen, Erfahrungen, Überwindung und Vergleich«. Es wurde eine wissenschaftliche Arbeitsstelle bei der Stiftung Weimarer Klassik eingerichtet, an der Justus H. Ulbricht, Dr. Burkhard Stenzel und Dr. Thomas Neumann beschäftigt waren.

Mitarbeiter

Das Projekt, geleitet von der Stiftung Weimarer Klassik und von dem Jenaer Historiker Prof. Dr. Jürgen John, befaßte sich auf breitem Quellenstudium in regionalen und nationalen Archiven mit >Weimar< als Kulturkreis, als ideellem Konstrukt der Welt- und Nationalkultur, als Experimentier-, Diskurs- und Konfliktfeld verschiedener Kulturen wie als privilegierter Stätte der Erbepflege und -Inszenierung unterschiedlicher sozialer Gruppen und politischer Systeme. Im Zentrum der Analyse kultureller Prozesse vor 1933 in der Stadt Weimar steht das Netzwerk staatlicher und kommunaler Behörden, politisch-kultureller Vereine, Parteien und Organisationen sowie einzelner Protagonisten der völkischen bzw. nationalsozialistischen Subkultur und ebenso der Honoratiorengesellschaft.

Analyse kultureller Prozesse

Dabei wurden die Entstehungs- und Inkubationszeit national- und völkisch-kultureller Entwürfe im späten Kaiserreich und Ersten Weltkrieg, die Politisierungs- und Radikalisierungsschübe von Krieg und Revolution, das Phänomen des kulturellen »Extremismus der Mitte« sowie der dramatische, landespolitische Konstellationswechsel (1930) untersucht.

»Extremismus der Mitte«

In den soziokulturellen Strukturen wurde lokalisiert, wie sich regionale kulturelle Traditionen und Bildungsgüter zu völkischen bzw. nationalsozialistischen Kulturkonzepten konstituierten, die im »nationalsozialistischen Experiment« Thüringens seit 1930 offizielle Regierungspolitik waren.

Thüringen als »nationalsozialistisches Experiment«

An einzelnen kulturellen Ereignissen, wie etwa den »Nationalfestspielen für die deutsche Jugend« und den »Großdeutschen Dichtertreffen« ab Ende der 30er Jahre zeigte sich, welche offizielle Rolle Weimar in nationalsozialistischen Kulturkonzepten spielen sollte und tatsächlich gespielt hat, wobei sich hier Intentionen staatlicher Institutionen, einzelner Repräsentanten der NSDAP, örtlicher Amtsträger und städtischer Eliten auf spezifische Weise überlagerten.

»Völkische«

Inwieweit die Weimarer »Völkischen« dabei jeweils Vorläufer, Wegbereiter und -begleiter, aber auch zugleich Konkurrenten und teilweise spätere Opfer der nationalsozialistischen »Bewegung« und Staatspolitik waren, wurde differenziert untersucht. Der Zeitraum gliederte sich dabei in mehrere Abschnitte: die Genesephase kultureller Instrumentalisierung sowie völkisch-nationalsozialistischer Kulturkonzepte und -bestrebungen von 1885 bis 1930/33 mit der Weltkriegs- und Republikgründungszeit als Katalysator, die Zeit der NS-Diktatur mit ihrem thüringisch-weimarischen Vorspiel 1930/32, ihrem frühere Bestrebungen weiterführenden und zugleich tiefgreifend verändernden soziopolitischen und kulturellen Umfeld politischer Erbe-Instrumentalisierung und schließlich die Periode der kulturellen und geistigen »Entnazifizierung« 1945 bis 1949 (Goethejahr).

Ergebnisse des Projekts

Die Ergebnisse des Projekts wurden auf zwei Symposien öffentlich zur Diskussion gestellt.

Publikationen

Die Weimarer Republik zwischen Metropole und Provinz. Intellektuellendiskurse zur politischen Kultur. Hrsg. von Wolfgang Bialas und Burkhard Stenzel. Weimar, Köln, Wien 1996.

Hier, hier ist Deutschland... Von nationalen Kulturkonzepten zur nationalsozialistischen Kulturpolitik. Hrsg. im Auftrag der Gedenkstätte Buchenwald und der Stiftung Weimarer Klassik von Ursula Härtl, Burkhard Stenzel und Justus H. Ulbricht. Göttingen 1997.

Weimar 1930. Politik und Kultur im Vorfeld der NS-Diktatur. Hrsg. von Lothar Ehrlich und Jürgen John. Köln, Weimar, Wien 1998.

Das Dritte Weimar. Klassik und Kultur im Nationalsozialismus. Hrsg. von Lothar Ehrlich, Jürgen John und Justus H. Ulbricht. Köln, Weimar, Wien 1999.

Klassik Stiftung Weimar - Impressum