Johann Joachim Winckelmann. Gemälde von Anton von Maron, 1768. Schlossmuseum Weimar © Klassik Stiftung Weimar

Meisterkurs 2016

Kulturelles Gedächtnis
Praktiken des Erinnerns und Vergessens

mit Aleida Assmann, Universität Konstanz

Die Idee, dass Kultur und Gedächtnis eng miteinander zusammenhängen, ist keineswegs neu. »Auf dem Gedächtnis beruht das Bewusstsein der Person von ihrer Identität über allem Wechsel. Die literarische Tradition ist das Medium, in dem der europäische Geist sich seiner selbst über die Jahrhunderte hinweg versichert. Erinnerung (Mnemosyne) ist nach dem griechischen Mythos die Mutter der Musen. Die Kultur ist Erinnerung an die Weihen der Väter«. Mit diesen Worten hat E.R. Curtius nach der Katastrophe und tiefen Zäsur des Zweiten Weltkriegs die Kontinuität literarischer Traditionen beschworen.

Der Begriff des ›kulturellen Gedächtnisses‹, wie er in den 1980er Jahren neu konzipiert wurde, folgt einem anderen theoretischen Ansatz. Er diente nicht mehr der Beschwörung von Traditionen, sondern erlaubte es, die Untersuchung von Kultur als »nicht vererbbares Gedächtnis eines Kollektivs« (Jurij Lotman, Boris Uspenskij) auf eine neue Grundlage zu stellen. Seither steht der Begriff ›kulturelles Gedächtnis‹ für ein breites und weit verzweigtes kulturwissenschaftliches Forschungsprogramm, das Fragen nach Institutionen und Praktiken, nach Medien und Strategien im Umgang mit der Überlieferung aufwirft.

Der Meisterkurs in Weimar warf einige Schlaglichter auf diesen Komplex. Dabei kamen Themen wie die Kanonisierung von Klassikern, Institutionen des Sammelns (Archive, Bibliotheken und Museen) und die Bedeutung von Emotionen beim Aufbau des kulturellen Gedächtnisses ebenso zur Sprache wie Funktionen des Vergessens.

Der Meisterkurs wurde gefördert durch die ZEIT-Stiftung.

Meisterkurs 2015

Goethes Poetik der Form

mit David E. Wellbery, University of Chicago

Goethes Formdenken bildet im Rahmen der neuerdings wieder sehr breit geführten literaturwissenschaftlichen Formdiskussion einen wichtigen Bezugspunkt. Dabei finden vor allem Goethes naturwissenschaftliche Schriften eine starke Resonanz, während die ästhetischen und kunstkritischen Texte nur punktuell in den Blick geraten. Auch die Verwirklichung des Goethe’schen Formdenkens im dichterischen Werk ist bislang lediglich ansatzweise thematisiert worden.

Mit der Umschreibung dieses Desiderats ist bereits die Zielsetzung dieses Meisterkurses angedeutet: Anhand exemplarischer Einzeluntersuchungen soll Goethes Formdenken hinsichtlich seiner literarischen Praxis beleuchtet werden. Hierbei darf vorausgesetzt werden, dass Goethes Theorie nicht statische Verhältnisse (etwa Symmetrie) avisiert, sondern die innere Einheit von dynamischen Prozessen zu erfassen versucht. Gestaltenlehre, so formuliert Goethe prägnant, ist Verwandlungslehre. Diese These erweist sich als plausibel, wenn man etwa das Werden einer Pflanze betrachtet. Wie aber ist sie bei der Analyse eines Romans oder eines Dramas fruchtbar zu machen? Und was lässt sich für das Verständnis von Goethes eigenen Werken gewinnen, wenn diese mithilfe eines prozessualen Formbegriffs beschrieben werden?

Um auf die skizzierten Fragen eine der Vielfalt literarischer Formprozesse angemessene Antwort zu finden, werden im Rahmen des Weimarer Meisterkurses verschiedene Werke von Goethe und seinen Zeitgenossen auf ihre immanente Poetik hin befragt. Ideen- und wissenschaftsgeschichtliche Ausgriffe kontextualisieren Goethes Formdenken, in dessen Horizont sich natur- und kunstwissenschaftliche Analyseverfahren verschränken.

Der Meisterkurs wurde gefördert durch die ZEIT-Stiftung.

Meisterkurs 2014

Orient − China − Amerika
Bilder der außereuropäischen Welt im Zeitalter der Aufklärung

mit Thomas W. Gaehtgens, Getty Research Institute, Los Angeles

Durch Handel und Expeditionen erhielt das Wissen über fremde Kulturen im europäischen 18. Jahrhundert gegenüber früheren Epochen eine neue Grundlage. Reiseberichte und ihre Illustrationen sowie der Import von Produkten aus fernen Ländern vermittelten ein genaueres Bild anderer Lebensweisen und kultureller Traditionen. Literatur, Kunst und Kunstgewerbe verdankten dieser Begegnung entscheidende Anregungen. Das Zeitalter der Aufklärung vollzog den Schritt von der Wahrnehmung des Fremdartigen als Kuriosum zu gewissenhaftem Studium der anderen Kultur. Für die Kunst- und Wunderkammern der Fürstenhöfe und Universitäten wurden neue Ordnungskriterien entwickelt. Es entstand das enzyklopädische Museum, das die zunehmend professionelle Auseinandersetzung mit fremdartigen Sammlungsobjekten förderte und zugleich eine erweiterte Sicht auf die Welt und ihre Völker begünstigte. Ein besonderes Augenmerk des Weimarer Meisterkurses gilt der Frage, wie Bilder zur Wahrnehmung fremder Kulturen in Europa beigetragen haben, gleichzeitig das Verständnis der eigenen Begrenztheit förderten und eine kosmopolitische Sicht auf die Welt ermöglichten.

Der Meisterkurs wurde gefördert durch die ZEIT-Stiftung.

Meisterkurs 2013

Aufklärung und Romantik: Widerspiel und Steigerung?

mit Günter Oesterle, Justus-Liebig-Universität Gießen

Der Meisterkurs beschäftigte sich mit dem spannungsvollen Verhältnis von Aufklärung und Romantik. So nutzte er die Chance, das komplexe Gebilde Aufklärung in seinen Anschluss-, Radikalisierungs- und Revisionsmöglichkeiten zu studieren und gleichzeitig die Romantik aus neuer Perspektive zu betrachten. Besonders aufschlussreich hierfür sind die Versuche romantischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen, Aporien der Aufklärung aufzuspüren und einer neuartigen Lösung zuzuführen oder bislang Marginalisiertes ins Zentrum zu rücken. In gemeinsamer Diskussion sowie Text- und Bildanalyse wurde während des Kurses beleuchtet, wie, wann und auf welche Weise die behutsamer agierende Aufklärung gegenüber der radikaler auftretenden Romantik an Kontur gewann.

Exemplarisch wurden dazu vier signifikante Verschiebungen von der Aufklärung zur Romantik verhandelt: Zum einen die verschiedenartigen Konzepte des Geselligen und Populären, zum zweiten die Diskussion um unterschiedliche raumästhetische Konzepte, zum dritten die Ornamentdebatte und zuletzt – als Beispiel eines Gattungsdiskurses – die gesamte Bandbreite der Märchenformationen vom Feenmärchen über das Kunstmärchen bis hin zum Buchmärchen der Brüder Grimm. Dabei wurde dem formkonstitutiven Aufgreifen und ästhetischen Verarbeiten verschiedener Wissensformationen im Imaginationsfeld der Märchen, wie etwa der Pädagogik, der Anthropologie, der Psychologie, der Naturphilosophie und der Ethnographie, besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Meisterkurs 2012

Was heißt Aufklärung im 21. Jahrhundert?

mit Susan Neiman, Einstein Forum Potsdam

Als historische Bewegung wird die Aufklärung vielerorts studiert, als gegenwartsrelevantes Ideenfundament einer Gesellschaft eher verpönt. Sowohl in den Feuilletons als auch in der Philosophie werden ähnliche Vorwürfe wiederholt: die Aufklärung hielte die menschliche Natur für vollkommen, den Fortschritt für zwangsläufig, die Vernunft für unbegrenzt, die Wissenschaft für unfehlbar, den Glauben für eine abgegriffene Antwort auf Fragen der Vergangenheit und die Technik für eine Lösung aller Probleme der Zukunft. Sofern diese Einwände nicht ausreichen, um die Relevanz der Aufklärung für heutige Probleme anzuzweifeln, wird noch hinzugefügt, sie sei Herrschaftsinstrument des europäischen Imperialismus.

Der Meisterkurs hat diese Vorwürfe sowohl historisch, anhand ausgewählter Texte, als auch philosophisch untersucht. Dabei galt es, die Werte der Aufklärung in ihrer heutigen Bedeutung herauszuarbeiten.

Meisterkurs 2011

Extreme und Explosionen der europäischen Aufklärung. Diderot – Lichtenberg – Mozart – Goya

mit Hans Ulrich Gumbrecht, Stanford University

Seit Adornos und Horkheimers »Dialektik der Aufklärung« hat man die Leistungen der kanonisierten Vernunft in zunehmendem Maße von ihren Grenzen her zu denken versucht. In diese Tradition stellte sich auch der Meisterkurs mit Hans Ulrich Gumbrecht: Er interpretierte die intellektuelle und ästhetische Produktivität der Aufklärung nicht aus dem Blickwinkel ihrer Selbstlegitimation, sondern fokussierte anhand von vier paradigmatischen Fällen ihre Selbstkritik. Während Lichtenbergs »Sudelbücher« und Diderots »Rêve de d'Alembert« die Grenzen der Aufklärung vermessen und mit ihrer Überschreitung spielen, dringen Mozarts Kompositionen und Goyas Radierungen erstmals bis zu einer ›aufgeklärten‹ Explosion der Aufklärung vor. In ihren Werken verschärft sich der kritische Impuls zu einem Rausch der Selbstzerstörung, so dass Logik und Transparenz der Aufklärung in ihr dunkles Gegenteil umschlagen. Dieser thematische Ausgangspunkt des Meisterkurses markierte eine provozierende These, die nicht bloß ausgelegt und bestätigt werden wollte, sondern zum experimentellen Denken einladen sollte.

Meisterkurs 2010

Moral, Religion und Staat im Zeitalter der Aufklärung

mit Otfried Höffe, Eberhard Karls Universität Tübingen

Die Epoche der Aufklärung, nach Kant das »eigentliche Zeitalter der Kritik«, problematisiert die seit der Antike gültigen Ansichten vom Menschen und stellt ihnen das Ideal einer selbstbestimmten, allein den Forderungen der Vernunft verpflichteten Lebensführung entgegen. Namhafte Denker reflektieren dieses Autonomieideal und setzen sich im Sinne einer »freien und öffentlichen Prüfung« mit seinen Konsequenzen für Moral, Religion und Staat auseinander.

Der Meisterkurs untersuchte das spannungsreiche Verhältnis zwischen Moral, Religion und Staat, indem er sich zwei herausragenden, nach Methode und Inhalt ihrer Kritik grundverschiedenen Aufklärern widmet: Thomas Hobbes, dessen Werk am Beginn der Frühaufklärung steht, sowie Immanuel Kant, der die Aufklärung zu ihrem Höhe- und Wendepunkt führt. Um die zur gelegentlichen Selbstüberschätzung neigende Aufklärung ihrerseits einer kritischen Prüfung zu unterziehen, richtete der Meisterkurs sein Augenmerk zunächst auf zwei Repräsentanten antiker Aufklärung: auf den Vorsokratiker Xenophanes und den Platon-Schüler Aristoteles.

Die von einem systematischen Interesse geleitete Interpretation einschlägiger philosophischer Texte bildete den Schwerpunkt des Meisterkurses, der im Wechsel von Vortrag, Gruppenarbeit und Plenumsdiskussion ethische, religiöse und politische Aspekte der europäischen Aufklärung neu perspektivierte.