Klassik Stiftung Weimar
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Erwerbung der Sammlung Ludewig für das neue Bauhaus-Museum Weimar

Die Einbettung des Bauhauses in die kulturgeschichtliche Entwicklung vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart wird ein Schwerpunkt künftiger musealer Präsentation in Weimar

Thu, 16. September 2010

Die Klassik Stiftung Weimar hat mit der Sammlung Ludewig aus Berlin eine herausragende Privatsammlung erworben, die künftig den Grundstock für den Sammlungsschwerpunkt »Entwicklung und Ausprägungen funktionalen Designs von der Klassik bis zur Moderne« des neuen Bauhaus-Museums Weimar bildet. Die Sammlung Ludewig umfasst 1.524 Objekte von 1780 bis zur Gegenwart, darunter große Werkgruppen mit Möbeln, Metallarbeiten, Leuchten, Keramik und Porzellan sowie typographische Arbeiten. Sie verfügt über wichtige Konvolute internationalen Designs, so z.B. des niederländischen De Stijl mit Arbeiten von Gerrit Rietveld, die das Bauhaus in Weimar entscheidend beeinflusst haben, oder ein Konvolut exquisiter Stahlrohrmöbel u.a. von Marcel Breuer. Wichtige Werkgruppen, darunter Arbeiten von Wilhelm Wagenfeld, dokumentieren ferner den Übergang zum Industriedesign. Die Sammlung Ludewig stellt eine hervorragende Ergänzung der Weimarer Bauhaus-Bestände dar und wird zusammen mit diesen im neuen Bauhaus-Museum in einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang eingebettet.

Der Ankauf der Sammlung Ludewig wird ermöglicht dank der Unterstützung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Freistaats Thü­ringen, der Kulturstiftung der Länder und der Ernst von Siemens Kunststiftung. Die Übergabe erfolgt in Form des Ankaufs eines Teils der Sammlung Ludewig, einer Schenkung von Manfred Ludewig und der Dauerleihgabe von zwei Objekten, je einem Sideboard von Edward William Godwin und von Marcel Breuer.

Die weltweit einzigartige Privatsammlung Ludewig wird ein Schwerpunkt der musealen Präsentation im neuen Bauhaus-Museum darstellen. Mit ihr kann künftig die Tradition funktionalen Gestaltens von der Klassik bis zur Moderne eindrucksvoll veranschaulicht werden. Aus dem Abstand von einhundert Jahren wird faszinierend deutlich, dass das rationalistisch-funktionale Gestaltungsideal des Bauhauses nicht nur durch Entwicklungen in Weimar und Dessau vermittelt wird, sondern dass der ästhetische Aufbruch um 1800 auch eine latente Geschichte der Funktionalität begründet, die über die Epoche der Industrialisierung und des Historismus hinweg als einer der Stammbäume des Bauhauses verstanden werden kann. Gestalterische Rationalität und funktionales Design gründen im Klassizismus, erleben im Biedermeier einen ersten europäischen Höhepunkt, setzen sich in der frühindustriellen Produktion fort und münden in die Moderne der Sezessionen und Reformbewegungen um 1900, die mit Henry van de Velde in Weimar die unmittelbare Vorgeschichte des Staatlichen Bauhauses darstellt. Die Sammlungen der Klassik Stiftung können zwar einzelne Stationen dieser Geschichte – vom »Journal des Luxus und der Moden« über die Einrichtung des Goethe-Gartenhauses und des Wohnhauses bis zum »Haus Hohe Pappeln« und der Bestände zum Werk von Henry van de Velde – überzeugend darstellen. Auch ist die vorhandene Weimarer Bauhaus-Sammlung bedeutend in ihrer Konzentration auf die frühe Phase der Schule 1919-25 und die direkte Nachfolgeeinrichtung des Bauhauses in Weimar. Die Genese des funktionalen Designs von etwa 1780 bis zur Gründung des Bauhauses wie auch die Entwicklung in der Zeit nach dem Bauhaus kann jedoch aus den eigenen Beständen der Stiftung nur fragmentarisch erzählt werden.

Die seit Ende der sechziger Jahre entstandene Sammlung Ludewig orientiert sich an den Prinzipien, die das 1919 in Weimar gegründete und später nach Dessau verlegte Bauhaus programmatisch vertrat und auf beispiellose Weise international zum Maßstab erhob - eine Formgebung nach den Parametern von Funktion, Geometrie und Technik. Sie umfasst zu rund 15 % Objekte, die in Weimar oder Dessau entstanden, und vereint darüber hinaus Gebrauchsobjekte und zugehörige Materialien aus dem Zeitraum vom Beginn der Industrialisierung im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Die Kriterien des Sammlers bei seiner Auswahl richten sich nach der ornamentfreien Funktion, der geometrischen Formgebung und handwerklich-technischer Solidität, nach Qualität der Form und Originalität des Entwurfs. So entstand eine Gruppe von heute 1.524 Werken, die trotz ihrer Entstehung während gut zwei Jahrhunderten eine überzeugende Homogenität besitzt. Aufgenommen wurden sowohl Modelle führender Entwerfer wie auch anonyme Erzeugnisse. Die Sammlung ist geordnet nach Materialzugehörigkeit und getrennt nach Möbeln, Leuchten und Leuchtern, Geräten und Fahrzeugen bzw. Fahrzeug-Modellen sowie Objekte aus Metall, Keramik und Glas. Gesonderte Gruppen bilden Bücher, Erzeugnisse für die Firma „Kaffee Hag“ sowie Gebrauchsobjekte nach dem Entwurf von Wilhelm Wagenfeld.
Selbstverständlich sind die Klassiker des Bauhauses, die in der historischen Bauhaussammlung der Klassik Stiftung fehlen, in dieser Privatsammlung mit herausragenden Stücken vertreten, u.a. von Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe oder Wilhelm Wagenfeld. Darüber hinaus verfügt die Sammlung über wichtige Konvolute internationalen Designs, die das Bauhaus bekanntermaßen sehr beeinflusst haben, so zum Beispiel Werke des De Stijl mit Gerrit Rietveld. Die Sammlung Ludewig ergänzt vorzüglich den bereits vorhandenen Schwerpunkt der Weimarer Bauhaus-Sammlung wie auch den in Weimar aufbewahrten umfangreichen Bestand zum Werk von Henry van de Velde.

Inhaltlich erschließt die Sammlung Ludewig folgende Themen:

Entwicklung funktionalen Gestaltens in Deutschland 1780-1835

Entwicklung in England, Industrialisierung, Arts & Crafts 1840-1900

Entwicklung in Deutschland, Österreich und Belgien 1895-1914

  • Wiener Werkstätte
  • Thonet - Riemerschmid, van de Velde, Behrens, Olbrich
  • Deutscher Werkbund

Moderne nach dem Ersten Weltkrieg

  • Holland: De Stijl, Rietveld
  • Bauhaus Weimar
  • Bauhaus Dessau, insbesondere Marcel Breuer
  • Le Corbusier
  • Das Neue Frankfurt

Komplex Wagenfeld 1930-1939, 1945-1965

Internationale Moderne nach 1945

  • Charles Eames, USA
  • Italien: Albini, Zanuso etc. bis 1980er Jahre
  • Frühes DDR-Design in den 1950er Jahren bis 1962
  • Komplex Braun Design, Dieter Rams
  • Hochschule für Gestaltung Ulm 1950/55-1968

Der ›Neue Minimalismus‹

  • Droog Design, Holland
  • Jasper Morrison
  • Industrie-Design 1980-2000

Der geplante Bau des neuen Bauhaus-Museums ermöglicht für Weimar eine grundsätzlich neue Museumskonzeption, die das Bauhaus, das eigentlich a-historisch sein wollte, in einen übergeordneten kunst- und kulturgeschichtlichen Zusammenhang stellt. Das neue Museum wird, über die kunst- und kulturhistorische Ordnung hinaus, das Bauhaus nicht nur als Schule mit einer relativ kurzen Dauer ihres Bestehens vorstellen, sondern als Parameter eines funktional-ästhetischen Lebensentwurfs im 19. und 20. Jahrhundert. Das Bauhaus wird in diesem Zusammenhang als eine Idee verstanden und vermittelt, die ihre Wurzeln in der Tradition des 19. Jahrhunderts hat und aufgrund zahlreicher Entwicklungen bis heute ausstrahlt. Dieses Konzept kann im weiteren Ausbau der Sammlung auf Gegenwart und Zukunft hin ausgerichtet und erweitert werden. Gleichzeitig ist damit eine museale Konzeption eingeleitet, die Weimar ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal unter den drei Bauhausstandorten sichert, da die Sammlung Ludewig viele einzigartige Stücke und Sammlungsschwerpunkte unterschiedlichster Art (Künstler, Stile, Techniken, Materialien) hat, die sich von allen bisherigen Sammlungskonzeptionen der Bauhaus-Institute in Dessau und Berlin unterscheidet. Im Zusammenspiel der historischen Weimarer Bestände zu Henry van de Velde, des Bauhauses und der Sammlung Ludewig kann das neue Bauhaus-Museum die historische Stellung des Bauhauses als einen einzigartigen Höhepunkt der Geschichte funktionalen Gestaltens herausarbeiten. Weimar gewinnt mit dem neuen Bauhaus-Museum, das Vorgeschichte und Ausstrahlung des Bauhauses thematisiert, eine weitere Einrichtung von nationaler Bedeutung und internationalem Gewicht.

Eine Auswahl von 40 Objekten aus der Sammlung Ludewig wird in der Falkengalerie im Stadtschloss Weimar von Freitag, den 17.9.2010 bis Sonntag, den 19.9.2010 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Präsentation der Sammlung Ludewig

Schlossmuseum Weimar / Falkengalerie
17. bis 19. September 2010
10 bis 18 Uhr
Erw. 6 € / erm. 5 € / Schüler 2,50 €
Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren haben freien Eintritt.

Für weitere Informationen steht Ihnen Silke Oldenburg unter der Telefonnummern 03643 | 545-104 zur Verfügung.