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Goethes Geburtstag

Goethes Geburtstag am 28. August – Stationen einer langen Tradition

Die Geschichte des Geburtstagsfestes geht zurück bis ins 4. Jahrhundert vor Christus. Erst im 4. Jahrhundert nach Christus übernahm und wandelte das Christentum dieses ehemals heidnische Fest für eigene Zwecke. Im 17. Jahrhundert griff man diese antike Sitte in Europa mit den Feiern für Herrscher wieder auf. Nochmals 100 Jahre dauerte es, bis sich daraus allmählich die bürgerliche Familienfeier im heutigen Sinne entwickelte. Nicht zufällig ist – kulturgeschichtlich betrachtet – das wachsende bürgerliche Selbstbewusstsein eng mit der Würdigung des individuellen Alters verbunden.

Goethes Geburtstag zu seinen Lebzeiten

Goethes Leben fällt exemplarisch in diesen Wandlungsprozess. Der Heranwachsende im Frankfurter Elternhaus kannte keine großen Geburtstagsfeiern. Mal gab es eine Geburtstagsbrezel, 1759 erhielt der Sohn schwarze Hosen, zum 12. Geburtstag 1761 ein Paar neue Schuhe und einen silbernen Degen. Erst der 15. Geburtstag wurde gemeinsam mit eingeladenen Freunden gefeiert. Der Leipziger Student beginnt dann eine Tradition, die Goethe lebenslang beibehält: am Ende eines Lebensjahres Bilanz zu ziehen, gegebenenfalls Neues bewusst zu beginnen, auch bisherige Lebensgewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen und Konsequenzen zu ziehen. So beschloss er am 28. August 1808, »Dichtung und Wahrheit« in Angriff zu nehmen, im September 1831 legte er für sich fest, die »Faust«-Dichtung vor seinem Geburtstag 1832 zu beenden. Der Titelheld des Briefromans »Die Leiden des jungen Werthers« hat bezeichnenderweise an einem 28. August Geburtstag. In den mehr als 50 Jahren seines Weimarer Lebens seit 1775 blieb der 28. August ein besonderer Tag, weil an ihm jeweils die »Summe seiner Existenz« gezogen wurde, wie er es im berühmten Brief an Schiller vom 23. August 1794 formulierte.

Je älter Goethe wurde, umso mehr ging er gerade am Geburtstag lärmender Geselligkeit aus dem Wege und suchte die Einsamkeit, so zum Beispiel 1805 in Bad Lauchstädt. In den »Tag- und Jahresheften« für 1817 versichert er, dass er seinen Geburtstag »immer gern im Stillen« begangen habe. Spät erst – 1781 – beginnt die Tradition des Weimarer Hofes, Goethes Geburtstag zu feiern. Am 28. August 1787 wurde im Gartenhaus für den abwesenden Jubilar – er weilte in Italien – eine kleine Feier ausgerichtet, an der Schiller teilnahm. Sarkastisch schrieb er an Freund Körner in Dresden: »Wir fraßen herzhaft, und Goethes Gesundheit wurde von mir in Rheinwein getrunken«. Auch die Sitte des Geschenkeerhaltens hat sich mehr und mehr verfestigt; nicht wenige, auch kostbare Gegenstände haben dadurch den Weg in Goethes Sammlungen gefunden.

Zu Goethes 80. Geburtstag 1829 gab es in Dresden, Leipzig, Weimar und Frankfurt am Main teils rauschende Feste, die Freunde und Verehrer organisierten. Seit 1819 hatte sich in vielen deutschen Orten, die Goetheverehrer beherbergten, die Gewohnheit verfestigt, des Dichters Geburtstag festlich zu begehen.

Nach Goethes Ableben

Das 19. und 20. Jahrhundert erlebte, vor allem zum 100. Geburtstag 1859 und dem 100. Todestag 1932, deutschlandweite Feierlichkeiten, auf denen legendäre Reden gehalten wurden, so zum Beispiel von Thomas Mann im Jahre 1932.

Bei den 1953 gegründeten Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar (NFG) bildete sich eine eigene Tradition heraus, die am Ende eine opulente, drei Abende umfassende Feier in Goethes Garten am Frauenplan umfasste. Jeden Abend genossen rund 400 Gäste eine kleine musikalische oder theatralische Veranstaltung mit Goethebezug, bevor der sternenreiche Augustabend – bei gutem Sommerwetter – romantisch ausklang. Ein besonderer Aspekt bestand sicherlich auch darin, dass die Mitarbeiter der NFG zu dieser Gelegenheit »ihren« Gästen Goethes Wohnhaus bei Kerzenlicht präsentieren und damit gewissermaßen ihre Arbeit vorstellen konnten.

Nach der Gründung der heutigen Klassik Stiftung Weimar wurde das Konzept der Feiern mehrfach geändert. Die traditionelle Feier im Garten von Goethes Wohnhaus fand noch ein paar Jahre statt. Heute wird Goethes Geburtstag mit einem Fest für Groß und Klein in stimmungsvollem Ambiente am Römischen Haus im Park an der Ilm gefeiert.