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MelosLogos 10

Silentium

Sie ist noch nicht, ist unentstanden,
Musik ist sie und Wort:
so lebt, verknüpft durch ihre Bande,
was west und atmet, fort.
[…]
Bleib, Aphrodite, dieses Schäumen,
du Wort, geh, bleib Musik.
Des Herzens schäm dich, Herz, das seinem
Beginn und Grund entstieg.

Ossip Mandelstam, übersetzt von Paul Celan

Liebe Freunde von MelosLogos,

in Weimar, sage ich oft und gern, ist nichts ohne Beziehung zu allem andern, das ist der eigentliche Sinn der Rede vom »Kosmos Weimar«. Als ich Sie vor einem Jahr zu den Poetischen Liedertagen 2010 mit einem Brief einlud, hatte ich diesem eine Strophe aus Hölderlins »Schicksalslied« – weil Brahms es vertont und Klinger es in seine »Brahms-Phantasie« aufgenommen hatte – vorangestellt. Wie hätte ich ahnen sollen, dass dieser Text eine prophetische Botschaft für mich selbst enthielt?

So geschieht es mit allem Respekt, wenn ich über den Einladungsbrief 2011 ein Wort von Ossip Mandelstam setze. Wir treten mit dem Programm, das Sie heute erhalten, tief in die Geheimwelt, in die hermetischen Zonen des 20. Jahrhunderts ein. Celan, der Mandelstam früh als Bruder und Opfer des anderen Reichs der Unterwelt erkannte und übersetzte, ist unser Führer durch das Schweigen, in dem allein die Erinnerung spricht. Das ist ein reiner Widerspruch.

Lassen Sie sich in aller Ernsthaftigkeit, aber auch in der rechten Unbefangenheit auf das anspruchsvolle Programm, das wir für Sie vorbereitet haben, ein. Die dichte Bezüglichkeit zwischen Poesie und Musik, die großen Künstler, die ungewöhnlichen und ungewöhnlich schönen Veranstaltungsorte, all das, was MelosLogos ausmacht, wird auch 2011 wieder im Mittelpunkt dieses besonderen Festivals stehen. Wir sind sehr froh, dass Bruno Ganz, diesmal akkompagniert von Jens Harzer, wieder dabei sein wird; erstmals in seiner einzigartigen Karriere wird er Paul Celan lesen. Gewiss ein besonderes Ereignis. Aber auch auf die großartigen Musiker, u.a. Christiane Iven, Roger Muraro und Christian Muthspiel, freuen wir uns schon heute – und Sie sich hoffentlich nicht weniger.

Es ist, wie es ist – und es ist erstaunlich: 2011 wird hinter MelosLogos erstmals eine zweistellige Zahl stehen, ein Jubiläum, ein Festakt, man wird sich selbst historisch … nichts dergleichen! Aber eines darf gesagt sein: Ohne unsere treuen Abonnenten, ohne unsere beherzten Spender – kurzum ohne unser Publikum wäre das alles nicht möglich gewesen.

In großer Freude auf ein Wiedersehen im Herbst und mit ganz herzlichen Grüßen aus Weimar

Ihr Hellmut Seemann

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