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Tischbeins »Idyllen« wieder in Weimar

Knapp 200 Jahre nachdem der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829) seine »Idyllen« zur Begutachtung an den Dichter Goethe nach Weimar sandte, sind die Blätter wieder in die Klassikerstadt zurückgekehrt. Um 1820 regten sie Goethe zu seinem umfangreichsten Werk über zeitgenössische Kunst »Wilhelm Tischbeins Idyllen« an. Ab 8. April sind viele dieser Arbeiten zusammen mit weiteren neu erworbenen Zeichnungen des Künstlers in einer Ausstellung der Klassik Stiftung im Weimarer Schloßmuseum erstmals öffentlich zu sehen. Die repräsentative Schau »Der Maler als Poet« versammelt 222 bislang unveröffentlichte Zeichnungen Tischbeins, die 2003 bei Christie’s in New York als Teil eines größeren Konvolutes versteigert wurden. Die Sammlung aus dem Bestand der ehemaligen Privatbibliothek der regierenden Großherzöge von Oldenburg umfasste insgesamt mehr als 600 noch weitgehend unbekannte Arbeiten Tischbeins und sorgte für gehöriges Aufsehen in der Forschung. Für 320 000 Euro sicherte sich die Stiftung vor allem die Zeichnungen des Malers, die durch ihren Bezug zu Goethe von besonderer Bedeutung für Weimar sind: Neben der Reihe der »Idyllen« sind das Studien von Antiken sowie Kopien und Paraphrasen nach niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts, außerdem Natur- und Tierstudien sowie Illustrationen zu Goethes »Reinecke Fuchs«. Auch die »Sibyllinischen Bücher«, die wie die »Idyllen« bereits einmal zur Ansicht in Weimar waren und hier zu Dichtungen und literarischen Äußerungen anregten, zählen zu der reichen Neuerwerbung. Ergänzt durch Blätter aus Goethes und aus der herzoglichen Sammlung sowie zahlreiche zugehörige literarische Zitate machen sie in der Ausstellung im Weimarer Schloßmuseum den intensiven künstlerischen Austausch zwischen Goethe und dem malenden Poeten Tischbein anschaulich.

Tischbein und Goethe begegneten sich erstmals 1786 in Rom. Der Maler wurde hier zum sachkundigen Führer des Dichters und unterwies ihn im Zeichnen. Beide teilten die Vorliebe für die Antike und die Renaissancekunst. Bereits damals entstanden Pläne für eine Reihe von »Idyllen«. Der Schweizer Poet und Maler Salomon Geßner hatte seine »Idyllen« sowohl gedichtet wie illustriert. Nun sollte Goethe »Idyllen« dichten und Tischbein die begleitenden Stiche fertigen.

Als einen der ersten Beiträge dazu entwarf Tischbein ein noch heute in Weimar aufbewahrtes Titelblatt mit der Aufschrift »Auch Goethe war hier und sang uns eine Idylle«. Umgesetzt wurde das Projekt allerdings erst wesentlich später, als Tischbein um 1819/20 einen Gemäldezyklus für das Schloß in Oldenburg schuf und die zugehörigen Zeichnungen an Goethe nach Weimar schickte.

Im Spannungsfeld von Bild und Wort, von Dichtung und zeichnerischen Serien, werden Tischbeins Zeichnungen in der Weimarer Ausstellung, nach Themengruppen geordnet, präsentiert. Der Begegnung mit Goethe, den Antiken-Studien und »Idyllen« folgen die »Sibyllinischen Bücher«, die u. a. Arthur Schopenhauer zu philosophischen Deutungen anregten, sowie Natur- und Tierstudien. Die Illustrationen zu Goethes »Reinecke Fuchs« werden bereichert durch eine bebilderte Fortsetzung der Geschichte.

Den »Reinecke II«, in dem die Füchse anders als bei Goethe am Ende unterlagen, schrieb der Maler selbst. Zeitgenossen nannten Tischbein den »Malerpoeten« oder den »Dichter mit der Palette«. Tischbein befand sich mit seinen literarischen Neigungen im Einklang mit zahlreichen anderen bildenden Künstlern des Klassizismus; seine Ambitionen reichten allerdings über das vom Zeitstil bedingte Maß weit hinaus. Viele seiner Arbeiten entstanden aus dem Wunsch heraus, dass Dichter und oder andere literarisch ausgewiesene Persönlichkeiten seine Worte mit Bildern vollenden sollten.

Die Ausstellung »Der Maler als Poet«, die in ihrem Schlusskapitel auch einen Überblick über die weitverzweigte Malerfamilie Tischbein gibt, ist bis 11. Juni im Weimarer Schloßmuseum zu besichtigen. Sie wird danach vom 12. September bis 19. November in der Casa di Goethe in Rom und ab 3. Dezember bis zum 30. April 2007 im Jenisch Haus in Hamburg gezeigt.

 

Der Katalog zur Ausstellung erscheint in der Patrimonia-Reihe der Kultur-stiftung der Länder (ISSN 0941-7036; 10,- Euro) und führt sämtliche Neuerwerbungen auf.

Der Ankauf wurde ermöglicht durch die Kulturstiftung der Länder, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, die Ernst von Siemens Kunststiftung sowie die Rudolf-August Oetker Stiftung. Weitere Schenkungen im Zusammenhang mit dem bei Christie’s versteigerten Tischbein-Konvolut

sind Dr. Wilhelm Winterstein und Katrin Bellinger zu verdanken; außerdem der Unterstützung von Angelika und Bruce Livie, Corinne und Arturo Cuéllar sowie Dr. Hinrich Sieveking.

 

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