Friedrich Schiller. Gemälde von Christian Xeller, 1. Hälfte 19. Jahrhundert. Empfangszimmer im Mansardengeschoss von Schillers Wohnhaus © Klassik Stiftung Weimar
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Nietzsche-Sammlungen

Die Nietzsche-Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar umfassen drei gemeinsam bewahrte Bestände:

• die nachgelassene Bibliothek Nietzsches,

• die Bibliothek des ehemaligen Weimarer Nietzsche-Archivs,

• die seit 1955 fortgeführte Sammlung von Nietzsche-Literatur der Weimarer Bibliothek.

 

Nietzsches Bibliothek

(C 1 — C 775)

Der erste und vom Umfang her kleinste Teil ist die »nachgelassene Bibliothek Nietzsches«. Sie umfasst ungefähr 1100 Bände, die nach Nietzsches Zusammenbruch in Turin in den ersten Januar-Tagen des Jahres 1889 von seiner Mutter und seiner Schwester von verschiedenen Aufbewahrungsorten zuerst in Naumburg, seit 1896 im Weimarer Nietzsche-Archiv zusammengetragen worden sind. Hier standen die Bücher den Bearbeitern der Gesamtausgabe, später auch denen der Fragment gebliebenen Beck'schen Historisch-Kritischen Ausgabe zur Verfügung. Vermutlich im Rahmen der Arbeit an der ersten Gesamtausgabe, der sogenannten Großokatavausgabe des Nietzsche-Archivs, müssen die Bücher systematisch aufgestellt und signiert worden sein. Diese Aufstellung ist heute weitgehend noch vorhanden. Auch der gedruckte Katalog (Nietzsches Bibliothek / Bearb.: Max Oehler. - Weimar 1942) weist die Bücher im Wesentlichen in der Folge dieser systematischen Aufstellung nach.

Die Bücher verblieben nach 1945 zuerst in der Villa »Zum Silberblick«, 1950 wurden sie zusammen mit allen anderen Beständen des ehemaligen Nietzsche-Archivs sowie des Nachlasses von Elisabeth Förster-Nietzsche in das Gebäude des Goethe- und Schiller-Archivs gebracht. Dort wurden der eigentliche handschriftliche Nachlass Nietzsches und die Bibliothek aufgestellt und im Wesentlichen westlichen Nietzsche-Forschern zugänglich gemacht Diese Herzogin Anna Amalia Bibliothek übernahm die Buchbestände des Goethe- und Schiller-Archivs, darunter die Bibliothek Nietzsches und die Bibliothek des ehemaligen Nietzsche-Archivs. Die Bücher beider Sammlungen wurden neu katalogisiert, zudem in einem speziellen systematischen Katalog erfasst, und seit 1955 in den Räumen der Zentralbibliothek im Weimarer Stadtschloss als zusammenhängender Sondersammlungsbestand aufgestellt und wissenschaftlichen Benutzern zugänglich gehalten. Seit 2005 befinden sich die Sammlungen unter günstigen konservatorischen Bedingungen im neuen Tiefmagazin.

Die Bibliothek Nietzsches ist nicht vollständig überliefert. Der Oehlersche Katalog von 1942 verzeichnet 775 Titel mit etwa 1100 Bänden. Im noch erhaltenen handschriftlichen Zettelkatalog, der die Grundlage für Oehlers Katalog bildete, sind zudem einige »Austragungen« verzeichnet. Dabei handelt es sich um Bücher, die verlorengegangen sind. Viele seiner Bücher kamen schon zu seinen Lebzeiten auf verschiedenste Weise abhanden. So ist es auffallend, dass nur relativ wenige schöngeistige Werke darin überliefert worden sind. Elisabeth Förster-Nietzsche bezeugt, dass er viele belletristische Bücher verschenkt habe. Auch sonst habe er ganze Stöße von Büchern zum Antiquar getragen. Dass relativ viele Bücher aus seiner Jugend- und Schülerzeit sowie aus den Philologenjahren erhalten geblieben sind, ist dem Umstand zu verdanken, dass seine Schwester im Jahre 1880 einen Teil dieser Bücher von Nietzsche übernommen hatte und bei der Mutter in Naumburg aufbewahrte. Viele Bücher aus seinen Basler Jahren, mit den Spuren seiner philologischen Arbeit, haben sich durch die Aufbewahrung bei Overbeck erhalten. Auch heute noch bildet die Literatur zum klassischen Altertum den größten Teilbereich innerhalb der überlieferten Bücher. Eine relativ umfangreiche Gruppe bilden noch die Bücher zur neueren Philosophie. Auch andere Gebiete wie Religion, Erziehung, Naturwissenschaften, Geschichte und Erdkunde, Völkerkunde, Rechtswissenschaft, Ästhetik, Kunst- und Kulturgeschichte sowie Literatur und Literaturgeschichte sind vertreten, z. T. jedoch nur in kleinen Gruppen. Einige Bücher wurden offensichtlich vom ehemaligen Nietzsche-Archiv verschenkt bzw. verliehen. Außerdem gehören zur Bibliothek Nietzsches noch einige Handexemplare seiner eigenen Werke, die im Rahmen der Arbeiten für die Großoktavausgabe in den philologischen Bestandsbereich, d.h. in die Sammlung der editorisch relevanten Drucke innerhalb der Bibliothek des ehemaligen Nietzsche-Archivs umgruppiert worden sind. Etwa 300 Bände, die sich heute im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar befinden, gehören historisch gesehen, auch zur Bibliothek Nietzsches, darunter zahlreiche Musikalien. Einen genauen Überblick kann man sich über den gedruckten Katalog »Nietzsches persönliche Bibliothek« (hrsg. von Giuliano Campioni, Berlin, New York 2003) verschaffen.

Nietzsches Bibliothek hat nicht den Charakter einer systematisch zusammengetragenen Gelehrtenbibliothek, vielmehr gibt sie in ihrer fragmentarischen Gestalt Zeugnis vom bewegten Leben ihres Besitzers.

Der Oehlersche Katalog gibt Auskunft über Lesespuren, indem er ein Punktesystem anwendet und somit auf die Intensität solcher Spuren hinweist. Das Verzeichnis »Nietzsches persönliche Bibliothek« (2003) weist die Lesespuren akribisch formal nach. Das Spektrum dieser Lesespuren reicht vom unaufgeschnittenen Buch, d.h. vom mit ziemlicher Sicherheit nicht gelesenen Buch, über gelegentliche An- oder Unterstreichungen, Eselsohren, Schülerzeichnungen, einzelne Marginalien bis hin zu intensiven Anstreichungen, Randbemerkungen, Übersetzungen und Konspekten, zum Teil sogar auf durchschossenen Blättern. Und auch Spuren des kranken Nietzsche kommen schließlich darin vor. Auch einige Widmungen von Zeitgenossen wie von Richard Wagner oder von Basler Kollegen finden sich in den Büchern.

Im Jahr 1996 wurden die Bücher Nietzsches vollständig verfilmt. Im Jahr 2010 wurden alle Bücher Nietzsches mit Lesespuren direkt digitalisiert (Farbdigitalisate). Alle anderen Bücher Nietzsches wurden über die vorhandenen Mikrofilme digitalisiert (s/w-Digitalisate). Zwecks Bewahrung der Bücher erfolgt deren Benutzung vorrangig über Mikrofilme. Die Möglichkeit der Online-Benutzung der Digitalisate wird z. Zt. vorbereitet, sowohl über das Portal Digitale Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek als auch über das Portal »Die Digitale Bibliothek Nietzsches (DBN)«. Eine behutsame Restaurierung beschädigter Bücher ist vorgesehen.

 

Bibliothek des ehemaligen Nietzsche-Archivs in Weimar

(C 776 — C 5141)

Der zweite Teil der Nietzsche-Sammlungen in der Weimarer Bibliothek umfasst die ca. 6000 Bände der Bibliothek des ehemaligen Nietzsche-Archivs. Sie ist im Wesentlichen eine Sammlung von Literatur über Nietzsche sowie von den meisten Drucken seiner Werke aus den Jahren von 1892 bis 1945/46. Außerdem sind Teile der Privatbibliothek von Elisabeth Förster-Nietzsche mit zahlreichen Widmungsexemplaren von Zeitgenossen hierin enthalten. Auch einige philosophische und kulturelle Zeitschriften, auf die das Nietzsche-Archiv abonniert war, sind vorhanden, darunter ein sehr schönes vollständiges Exemplar der Jugendstil-Zeitschrift »PAN« des Insel-Verlages. Einige Bücher philologischen Inhalts stammen aus dem Besitz von Erwin Rohde (C 776 - C804).

Für die Forschung besonders interessant ist die Bestandsgruppe, in der die für die Editionsarbeiten des Nietzsche-Archivs relevanten Drucke enthalten sind. Die Erstdrucke und Korrekturbögen liegen auch auf Mikrofilm vor. Dazu kommen noch die Drucke und einige Aushängebögen der Gesamtausgabe der Werke Nietzsches mit den Spuren der Arbeit der verschiedenen Herausgeber von Peter Gast über Fritz Kögel, Eduard von der Hellen bis hin zu Ernst und August Horneffer, deren Arbeit die Nietzsche-Philologie, vor allem aus Gründen des Umganges mit Nietzsches nachgelassenen Fragmenten, bis heute in Atem hält.

 

Sammlung von Nietzsche-Literatur der Weimarer Bibliothek

(C 5142 ff.)

Den dritten Teil der Nietzsche-Sammlungen der Weimarer Bibliothek bildet eine Sammlung von vor allem nach 1955 erschienener Primär- und Sekundärliteratur. Sie wurde in den 50er Jahren durch z. T. mehr oder weniger zufällig an die ehemalige Zentralbibliothek der deutschen Klassik oder an das Goethe- und Schiller-Archiv gelieferte Bücher (Geschenke, Belege) begonnen, einige Bücher wurden antiquarisch erworben. Für die 50er und 60er Jahre enthält sie jedoch nur sehr wenige Bücher. Von den 70er Jahren an sind, resultierend vor allem aus den Weimarer Aktivitäten Montinaris, zunehmend meist als Belegexemplare gelieferte Bücher vorhanden. Erst seit der Wende 1989/90 ist die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in der Lage, diese Sammlung zielgerichtet auszubauen. Das Erwerbungsprofil ist dafür neu bestimmt worden: so sollen hier zur Dokumentierung der Druckgeschichte alle Drucke von Nietzsches Werken und deren Übersetzungen gesammelt werden. Dazu zählt auch die gesamte in deutscher Sprache erscheinende Sekundärliteratur sowie in umfangreicher Weise fremdsprachige Sekundärliteratur, letztere jedoch nicht, wenn sie durch Übersetzung aus anderen Sprachen entstand. Auch eine antiquarische Rückergänzung erfolgt, soweit es die finanziellen Mittel erlauben. Ziel ist es, über eine umfangreiche Sammlung der Nietzsche-Literatur auch für die Jahre nach 1945 bis zur heutigen Zeit zu verfügen und sie der Forschung bereitzustellen. Zur Zeit umfaßt dieser Bestand ca. 5000 Bücher und kleinere Schriften.

 

Katalog

Die Nietzsche-Sammlungen werden durch einen speziellen systematischen Katalog (bis 1996), der im Auskunftsbereich des neuen Studienzentrums steht, sowie über den Online-Katalog der Herzogin Anna Amalia Bibliothek erschlossen. Sie waren eine wesentliche Grundlage für die Erarbeitung einer retrospektiven Nietzsche-Bibliographie durch eine Arbeitsgruppe der Herzogin Anna Amalia Bibliothek (DFG-Projekt).

Informationen in der Datenbank

Zur Weimarer Nietzsche-Bibliographie

Kontakt

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Auskunft / Infotheke EG Herzogin Anna Amalia Bibliothek
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99423 Weimar
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Fax: +49 (0) 3643-545-829
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