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Ausstellung »Kultur des Sinnlichen« eröffnet faszinierend neuen Blick auf die Weimarer Klassik

Die Ausstellung »Weimarer Klassik. Kultur des Sinnlichen« erschließt die Weimarer Klassik ab dem 16. März 2012 erstmals jenseits ihrer literarisch-ideellen Dimension, wie sie sich mit den Texten von Goethe und Schiller, Herder und Wieland verbindet. Das Fundament dieser spezifischen Kultur des Sinnlichen bildet eine intensive Auseinandersetzung mit der Materialität von Kunst-, Natur- und Alltagsgegenständen. Wie nachhaltig sinnliche Erfahrungen die ästhetischen und intellektuellen Leistungen der Weimarer Klassik geprägt haben, vergegenwärtigen drei Kulturpraktiken, die im Mittelpunkt der Ausstellung stehen und denen jeweils ein Ausstellungsraum gewidmet ist: Wohnen, Sammeln und Schreiben.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert wandelte sich die Auffassung von Inneneinrichtungen grundlegend: Der repräsentative ›Schauraum‹, der die soziale Stellung seines Bewohners unmittelbar vor Augen führt, wurde vom individuell gestalteten und sich dynamisch verändernden ›Wohnraum‹ abgelöst. Diesen Wandel diskutierte man in Weimar besonders intensiv, da das hier verlegte »Journal des Luxus und der Moden« maßgeblich zum neuen Verständnis vom Wohnen beitrug. Zugleich wurden Wohnpraktiken entwickelt, die sowohl vom Sammeln als auch vom Schreiben bestimmt waren. So nutzte man den häuslichen Raum gezielt für die Einrichtung wechselnder Wahrnehmungssituationen, die ästhetische Erfahrungen und wissenschaftliche Einsichten gleichermaßen ermöglichten.

Die Weimarer und Jenaer Sammlungen gewannen ihr spezifisches Profil durch die enge Verflechtung von fürstlichen, universitären und privaten Initiativen. Da man den Akzent nicht auf Sachwerte, sondern auf Erkenntniswerte legte, erwarb man auch zahlreiche Reproduktionen. Bemerkenswerterweise mied ausgerechnet der ›Augenmensch‹ Goethe die um 1800 aufkommenden Glasschränke, Vorläufer unserer heutigen Museumsvitrinen, um stattdessen die alten Schubladenschränke weiterhin zu bevorzugen. Die Sammlungsstücke kamen aus ihren Behältnissen zur gemeinsamen Betrachtung direkt auf den Tisch. Dieser unmittelbare sinnliche Zugriff bestimmte die Sammelpraxis in Weimar nachhaltig und begünstigte drei Formen des Umgangs mit Sammlungsstücken: Vergleichen, Kopieren und Austauschen.

Um 1800 wurde in Weimar zudem pausenlos geschrieben und gedruckt: Unentwegt zirkulierten beträchtliche Papiermengen, die gelesen sein wollten. Doch Schriftstücke wurden nicht allein als Informationsträger verstanden, sondern auch in ihren materialen Qualitäten gesehen. Das schärfte die Aufmerksamkeit für die Beschaffenheit der ausgewählten Textträger, die immer Teil der Botschaft sind – sei es ein besonderer Papierbogen oder ein Seidenband. Zudem bedachten die Akteure der Weimarer Klassik, dass die Aussage eines Textes auch durch die verschiedenen Formen des Schreibens bestimmt wird: einen Federkiel führen oder einen Bleistift benutzen, sticken oder gravieren, nicht zuletzt auch diktieren und drucken.

Zu den insgesamt 200 Exponaten zählen viele bislang eher unberücksichtigte Stücke. So steht ein multifunktionales Studierzimmer-Bett neben einer Auswahl an Porträt-Büsten unterschiedlicher Materialien aus Weimarer Werkstätten. Die Wandgestaltungen der Arbeitszimmer Goethes und Schillers wurden nachgebildet. Ein gläserner Mappenturm gibt Einblicke in Goethes Sammlungsgewohnheiten. Mineralien, Kupferstiche, Zeichnungen und Sammlungen von Siegelringen laden zu einem Rundgang durch Weimarer Sammlungsbestände ein. Zu sehen sind Schreibmaterialien wie ein von Goethe handbeschriebenes Tintenfass aus Eschenholz ebenso wie Handschriften verschiedener Akteure der Weimarer Klassik.

Eine in grünen Teppich gefasste Galerie verbindet die drei Ausstellungsräume. In lockerer Folge präsentiert sie zwölf außergewöhnliche Exponate. Sie alle führen auf je eigene Weise vor Augen, dass Wohnen, Sammeln und Schreiben um 1800 auf das Engste miteinander verwoben waren: gewitzt und gelehrt, sperrig und spröde, raffiniert und reflektiert. Unter anderem kann dort ein Spazierstock bestaunt werden, der aus der letzten Palme der Akropolis gefertigt ist, aber auch 200 Jahre alte Abdrücke antiker Gemmen in Zucker werden gezeigt.

Einen der Höhepunkte der Ausstellung bildet eine virtuelle Rekonstruktion von Goethes Wohnhaus, die sich mit seiner Inneneinrichtung und deren vielfachen Veränderungen zwischen 1790 und 1830 beschäftigt. Ab dem 28. August 2012 wird diese Simulation Teil der neuen Ausstellung »Lebensfluten – Tatensturm« im Goethe-Nationalmuseum.

Zum Rahmenprogramm zählen Ausstellungsführungen mit den Kuratoren ebenso wie Galeriegespräche mit Wissenschaftlern und umfangreiche Angebote für Kinder, Familien und Schulklassen – von der Museumsbox bis zum Kreativworkshop.

Die Ausstellung »Weimarer Klassik. Kultur des Sinnlichen« bildet einen Höhepunkt im Goethe-Jahr 2012. Sie wurde von der Klassik Stiftung Weimar in Kooperation mit dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte konzipiert und gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms »Übersetzungsfunktionen der Geisteswissenschaften«.

Pressebilder
svdmzweb01.klassik-stiftung.de/service/presse/pressebilder

Ausstellungsdaten
»Weimarer Klassik. Kultur des Sinnlichen«
16. März bis 10. Juni 2012
Schiller-Museum
Schillerstraße 12 | 99423 Weimar
Di–Fr 9–18 Uhr | Sa 9–19 Uhr | So 9–18 Uhr
www.goethe2012.de

Öffentliche Führungen
Donnerstag 15 Uhr | Sonntag 11 Uhr

Kuratorenführungen
01. April (Veronika Spinner)
22. April (Dr. Sebastian Böhmer)
13. Mai (PD Dr. Thorsten Valk)
03. Juni (Dr. Christiane Holm)

Eintritt
Erw. 3,50€ | erm. 2,50 € | Schüler 1€
Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren frei

Kombiticket mit Schillers Wohnhaus
Erw. 6,50€ | erm. 5 € | Schüler 3€
Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren frei

Besucherinformation
Stand der Klassik Stiftung Weimar in der Tourist-Information
Markt 10 | 99423 Weimar
Tel +49 (0) 3643 | 545-400
Fax +49 (0) 3643 | 41 98 16
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