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Bauhaus-Sammlung der Klassik Stiftung Weimar erhält 16 Skulpturen von Hermann Glöckner

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Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat für die Klassik Stiftung Weimar ein eindrucksvolles Konvolut von 16 minimalistischen Kleinskulpturen des Künstlers Hermann Glöckner (1889–1987) erworben und überlässt sie der Klassik Stiftung als unbefristete Leihgabe für das Bauhaus-Museum. Die Arbeiten aus den 1960er und 1970er Jahren stellen eine hervorragende Ergänzung der Weimarer Bauhaus-Sammlung dar.

Hermann Glöckner, einer der wichtigsten Protagonisten der abstrakten Kunst in der DDR, erfährt derzeit eine Neubewertung. Werke Glöckners waren zuletzt in wesentlichen Ausstellungen etwa im Los Angeles County Museum of Art (2009) oder im New Museum of Contemporary Art in New York City (2011) zu sehen und zogen Ankäufe renommierter Sammler und Kunstmuseen nach sich. Diese Entwicklung korreliert mit einer öffentlichen Diskussion seines bislang noch nicht hinreichend bewerteten Schaffens. Hermann Glöckners singuläre Position im Osten Deutschlands, vor allem in der Zeit der Sowjetischen Besatzungszone und DDR, sowie seine Korrespondenzen mit den avancierten Kunstströmungen seiner Zeit werden nun in einer Dimension sichtbar, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war. Eine Arbeit Glöckners aus seinem sogenannten »Tafelwerk« führte anlässlich der Eröffnung des Erweiterungsbaus des Frankfurter Städel Museums zu der Erkenntnis, in der Glöckner-Rezeption habe »eine neue Zeitrechnung« (FAZ v. 22. Februar 2012) begonnen.

Das plastische Werk Glöckners, zu dem auch die 16 Kleinskulpturen gehören, ist bis heute nicht hinreichend erforscht. Bis vor wenigen Jahren wurde es fast ausschließlich in den Zusammenhang des »Tafelwerks« gestellt, das Glöckners gesamte Arbeit prägte und maßgeblich sein Renommee als Künstler begründete. Dabei handelt es sich um eine von 1930 bis 1937/38 geschaffene bilddidaktische Strukturanalyse mit ca. 150 körperhaften, zweiseitig gestalteten Formträgern im einheitlichen Maß von ca. 50 x 35 cm. Die kunsthistorische Würdigung des Werkes von Hermann Glöckner erfolgte vornehmlich über seine Zuordnung zum Konstruktivismus, gegen die Glöckner selbst sich jedoch zeitlebens wehrte, indem er die Autonomie seiner Formfindungen und die Intuition des Zufalls in seinem Werk betonte. Dafür beispielhaft ist Glöckners Experimentieren mit ›armen‹ Materialien: Bindfäden, Pappkartons, Zündholzschachteln, Kleiderbügeln, Tageszeitungen, Verpackungen, Bruchholz und Fundstücken aller Art.

Insgesamt sind innerhalb des nun erworbenen Konvolutes der 16 Kleinskulpturen zwei Modelle plastischen Schaffens voneinander zu unterscheiden: räumliche Faltungen und Skulpturen im Kontext des »Tafelwerks« auf der einen Seite, autonome Kleinskulpturen, die im Spätwerk Glöckners als solitäre Werkgruppe in Erscheinung treten, auf der anderen Seite. Der Vorzug der Kollektion liegt in der Argumentationskraft einer von Hermann Glöckner vor allem im Zeitraum zwischen 1956 und 1969 vollzogenen Anbindung auf die ›Höhe der Zeit‹ einer internationalen zeitgenössischen Kunstströmung. Das plastische Werk Hermann Glöckners korrespondiert erkennbar mit den Experimenten des Minimalismus. Etliche der im Konvolut integrierten Werke finden sich in den Ausstellungsverzeichnissen der in den 1990er Jahren ausgerichteten Glöckner-Retrospektiven (u.a. Neue Nationalgalerie Berlin, Saarland Museum Saarbrücken).

Für die Bauhaus-Sammlung der Klassik Stiftung Weimar und die konzeptionelle Ausrichtung ihres Bauhaus-Museums stellt die Erwerbung eine immense Bereicherung dar. Das Konvolut hat die herausragende Qualität und Güte, zusammen mit korrespondierenden Arbeiten aus dem »Tafelwerk« und Arbeiten auf Papier, das Werk Hermann Glöckners innerhalb des Themenfeldes der Rezeption des Bauhauses als ›Brückenpositionen‹ zwischen historischem Bauhaus und aktuellen Tendenzen zu positionieren. Darüber hinaus erlangt die Glöckner-Kollektion der Klassik Stiftung durch die hinzutretenden Werke eine gegenüber anderen Sammlungen singuläre Position. Dem Bauhaus-Museum böte sich zudem die Gelegenheit dazu, um den ›Kristallisationskern‹ Glöckner herum weitere ostdeutsche, v.a. auch thüringische Künstler, etwa Kurt W. Streubel, vorzustellen. Die Erwerbung ermöglicht es der Klassik Stiftung schließlich, das schwierige Feld einer anstehenden Synthetisierung bzw. Synchronisierung der deutschen Nachkriegskunst-Geschichte durch eine qualitativ überzeugende Position aus dem Osten voranzutreiben.

Die Klassik Stiftung Weimar zeigt die 16 Kleinskulpturen in der Zeit vom 19. Oktober 2012 bis zum 3. Februar 2013 in der Ausstellung »Abschied von Ikarus. Bildwelten der DDR – neu gesehen« im Neuen Museum Weimar. Dort werden sie durch 8 vom Dresdner Fotografen Werner Lieberknecht angefertigte Schwarz-Weiß-Fotografien des Ateliers von Hermann Glöckner ergänzt (Serie aus dem Jahr 1987).

Vorhaben der Klassik Stiftung Weimar werden gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Thüringen, vertreten durch die Staatskanzlei Thüringen, Abteilung Kultur und Kunst.

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