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Datenbank der Verluste

Der verheerende Brand in der Nacht vom 2. zum 3. September hat im historischen Buchbestand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar große Lücken hinterlassen. 50 000 Bücher, vor allem aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sind auf der zweiten Galerie des Rokokosaals und im Dachgeschoß verbrannt. Etwa 28 000 Bände wurden mit schweren Brandschäden geborgen. 34 000 Bücher konnten von den beiden unteren Ebenen des Rokokosaals mit zum Teil schweren Wasserschäden gerettet werden. 28 000 Bände wurden unversehrt aus der Bibliothek gebracht. Diese Schadensbilanz der Brandnacht fällt gravierender aus, als zunächst angenommen. Bezogen auf die insgesamt eine Million Bücher, die die Weimarer Bibliothek heute besitzt, sind 10 Prozent ihres Gesamtbestandes betroffen. Unvergleichbar größer jedoch ist nach den Worten von Bibliotheksdirektor Michael Knoche der Verlust, den Zahlen nicht angemessen beschreiben können. »Das Reservoir der geistigen Überlieferung ist kleiner geworden«, so Knoche. »Jede alte Bibliothek bewahrt etwas auf, das in keiner anderen zu finden ist. Sie prägt damit das kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft. Einen Teil dieses Gedächtnisses haben wir am Abend des 2. September verloren.«
In einer über Internet weltweit zugänglichen Datenbank werden die durch die Brandkatastrophe vermutlich verlorenen Titel erfaßt.
Zu den verbrannten oder stark brandgeschädigten Büchern gehören seltene Drucke des 16. und 17. Jahrhunderts u.a. aus der Gelehrtenbibliothek des ersten Bibliotheksdirektors Konrad Samuel Schurzfleisch (1641-1708) sowie aus der Sammlung des Breslauers Balthasar Friedrich von Logau (1645-1702). Die Druckschriften zur Geschichte und Ausgaben klassischer Autoren dienten Goethe, Schiller, Herder und Wieland als Arbeitsmaterialien. Verbrannt sind außerdem zahlreiche Werke von Mitgliedern der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, die 1617 in Weimar als erste Gesellschaft für die Pflege der deutschen Sprache gegründet wurde. Lücken riß das Feuer auch in den Bestand der fürstlichen Privatbibliotheken u.a. von Anna Amalia, Carl August und Maria Pawlowna.

Aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind ca. 38 000 Titel beschädigt oder verbrannt, darunter Erstausgaben der klassischen deutschen Philosophie wie eine von dem Kunsthistoriker Carl Ludwig Fernow (1763-1808) annotierte Ausgabe von Kants Kritik der praktischen Vernunft“ von 1788. Fast vollständig verloren ist die kulturhistorisch bedeutende fürstliche Musikaliensammlung von Anna Amalia und Maria Pawlowna mit 2100 Drucken und mehr als 800 Notenhandschriften.
Einzelne wertvolle Sammlungen der Weimarer Bibliothek wie die mittelalterlichen Handschriften und Inkunabeln, die weltweit größte Faust-Sammlung, die Shakespeare-Bibliothek und Nietzsches Privatbibliothek sowie die Sammlung historischer Landkarten und Globen blieben unversehrt, da sie in anderen Magazinen untergebracht sind.
Etwa 62 000 Bücher mit Wasser- und Brandschäden befinden sich derzeit zur Gefriertrocknung im Leipziger Zentrum für Bucherhaltung. Die ersten tausend werden Anfang Oktober nach Weimar zurückkehren. Die Erstversorgung der beschädigten Bücher bzw. Fragmente, insgesamt 46 Tonnen, wird sich bis ins kommende Jahr erstrecken. Rund 1,5 Millionen Euro muß die Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen dafür aufwenden. Für eine nachfolgende Restaurierung werden im Durchschnitt noch einmal 400 Euro pro Band für Bücher mit Wasserschäden und bis zu 2600 Euro pro Band für Bücher mit starken Brandschäden gebraucht.
Von den Bildern, Zeichnungen und Skulpturen, die das Gesicht des 1766 als Schaubibliothek eingeweihten Rokokosaals unverwechselbar prägten, tragen viele die Spuren der Brandnacht. 37 Gemälde, unter ihnen das einzige frühe, um 1760 von dem Hofmaler Johann Friedrich Löber (1709-1772) angefertigte Porträt Anna Amalias und das von Johann Heinrich Meyer (1760-1832) stammende Deckengemälde »Genius des Ruhms«, sind unwiederbringlich verloren. Die geretteten Kunstwerke, etwa 100 Gemälde, 20 Zeichnungen sowie 80 Skulpturen, darunter Büsten der Weimarer Dichter von David d‘Angers, Trippel, Klauer und Dannecker, sind von Löschwasser und Rauch beschädigt, können aber restauriert werden.
Das historische Bibliotheksgebäude mit seinem ovalen, dreigeschossigen Rokokosaal, ist vom Brand schwer gezeichnet. Das Dachgeschoß und die zweite Galerie sind zerstört. Ein Wetterdach sowie Stützkonstruktionen sichern Bau und Saal, die entfeuchtet werden müssen. Inwieweit mit Folgeschäden an Mauern, Decken und Holzeinbauten zu rechnen ist, können Restauratoren und Denkmalpfleger noch nicht exakt abschätzen. Allein die notwendige Trocknung des Gebäudes, die mit Beginn der kalten Jahreszeit durch eine Klimaanlage unterstützt werden soll, wird voraussichtlich bis zu einem Jahr dauern. Für Sicherung und Sanierung werden mehr als zehn Millionen Euro aufgewendet werden müssen.

Verlustdatenbank unter: www.anna-amalia-bibliothek.de

Vorhaben der Klassik Stiftung Weimar werden gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Thüringen, vertreten durch die Staatskanzlei Thüringen, Abteilung Kultur und Kunst.

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