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Dem Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar gelingt spektakuläre Erwerbung von Goethe-Handschriften

Dem Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv ist es gelungen, eine einzigartige geschlossene Sammlung von Goethe-Handschriften zu erwerben, die Teil eines Konvoluts ist, das überraschenderweise in diesem Jahr auf dem Autographenmarkt angeboten wurde. Dank schnellen Handelns und großer Unterstützung von vielen Seiten gelang es dem Goethe- und Schiller-Archiv, die Sammlung zu erwerben. Der Ankauf ist umso erfreulicher, da auf diese Weise verhindert wurde, dass die ihrer Provenienz nach zusammengehörenden Stücke unwiderruflich zerstreut werden.

Das Konvolut besteht im Kern aus Autographen Johann Wolfgang von Goethes (1749–1832), die aus der Familienbibliothek der Welfen auf Schloss Cumberland bei Gmunden stammen. Von herausragender Bedeutung im Range Nationalen Kulturguts sind neben zwei großen Briefen des Dichters an Prinzessin Friederike zu Mecklenburg-Strelitz, die Schwester der legendären preußischen Königin Luise und spätere Herzogin von Cumberland und Königin von Hannover, sechs spektakuläre eigenhändige Gedichthandschriften Goethes. Sie bieten großartige und repräsentative Beispiele für das poetische Schaffen Goethes, und dies sowohl für sein ganzes Spektrum von der Gelegenheitslyrik über sein Übersetzungswerk und seine »Weltanschauungsgedichte« bis hin zum »Divan«, wie für den Schaffensprozess von der Entwurfshandschrift mit Ergänzungen und Korrekturen bis zur Reinschrift.

Das einzigartige Ensemble von Goethe-Autographen ist von größtem Wert und ergänzt den im Goethe- und Schiller-Archiv aufbewahrten Nachlass Goethes in besonders glücklicher Weise. Der Nachlass, den die UNESCO in ihr Programm »Memory of the World« aufgenommen hat, umfasst 210.000 Blatt und wird in mehr als 500 Archivkästen aufbewahrt. Gerade die Gedichthandschriften schließen Lücken, die Goethes Vertrauter Johann Peter Eckermann, der noch von Goethe selbst mit der Edition seines Nachlasses betraut worden war, mit der Schenkung der Handschriften an die Königin Friederike gerissen hat.

Ermöglicht wurde die Erwerbung mit Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Kulturstiftung der Länder, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der Wüstenrot Stiftung sowie der Freundesgesellschaft des Goethe- und Schiller-Archivs und vieler ungenannter privater Spender.

Verzeichnis der Stücke des Konvoluts
Zwei der Goethe-Autographen gehören direkt in den Entstehungszusammenhang des »West-östlichen Divan«. Die auf den 24. Mai 1815 datierte unikale Reinschrift des Bekenntnisgedichts »Vom Himmel steigend Jesus brachte …« ist Teil der großen eigenhändigen Folio-Sammelhandschrift »kalligraphischer« Reinschriften in lateinischer Schrift, die in Goethes Nachlass im Goethe- und Schiller-Archiv überliefert ist. Die am oberen linken Blattrand von Goethe mit roter Tinte notierte Nummer »73b«, die aus dem sogenannten Wiesbadener Register von 1815 rührt, weist auch das auf den 30. März 1815 datierte Gedicht »Frage nicht durch welche Pforte …« als Teil der Divan-Sammelhandschrift aus. Gerade dieses Autograph dokumentiert exemplarisch Goethes Arbeitsweise, insofern er durch Überklebung einer Strophe und Hinzufügung von zwei neuen Strophen auf der Rückseite ein Ehrengedicht zum 50. Dienstjubiläum der Weimarer Staatsbeamten Karl Kirms und Ernst Konstantin von Schardt in ein Gedicht des Divans umarbeitete.

Als weiteres Autographen-Geschenk von Eckermann gelangte Goethes Entwurfshandschrift zu seinem Widmungsgedicht »Ward es doch am Tage klar! …« mit der Unterschrift »Dem Andenken des 16 Aug. 1815« – einem Reflex der persönlichen Begegnung des Autors mit dem Herzog und der Herzogin von Cumberland auf der Gerbermühle in der Nähe Frankfurts – an Königin Friederike.

Das Gedicht »Im Nahmen dessen der Sich selbst erschuf …« ist ein prominentes Beispiel für Goethes Weltanschauungslyrik, das erstmals 1817 in Goethes Zeitschrift »Zur Naturwissenschaft überhaupt« veröffentlicht worden ist. Das auf März 1816 datierte Blatt ist die einzige überlieferte Handschrift des Dichters von diesen Versen und, da der Weimarer Ausgabe von Goethes Werken unbekannt, für eine neue Edition der Gedichte Goethes von grundlegender Bedeutung.

Die Gedichte »Hochländisch« von 1827 und »Fehlt der Gabe gleich das Neue …« sind markante Beispiele für Goethes Alterslyrik. Die Synopse von englischem Original auf der linken und Goethes deutscher Übersetzung auf der rechten Seite des Blattes sowie die Überklebungen mit neuen Textvarianten machen das Gedicht »Hochländisch« zu einem Musterbeispiel für Goethes Arbeitsweise, das zudem als seltenes Zeugnis von Goethes Übertragungskunst aus dem Englischen unmittelbar mit der Entwicklung seines Konzepts der »Weltliteratur« verbunden ist.

Das auf Neujahr 1828 datierte Widmungsgedicht für den Weimarer Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar und Eisenach ist die einzige überlieferte eigenhändige Reinschrift dieser Verse, die Goethe zusammen mit seiner Ausgabe letzter Hand an Carl August geschickt hatte.

Die großen, von höchster persönlicher Wertschätzung zeugenden Briefe Goethes vom 30. Dezember 1811 bis 1. Januar 1812 sowie vom 16. Februar 1827 an Friederike waren seit Jahrzehnten dem Verbleib nach unbekannt. Die Briefe gehören zu insgesamt sechs überlieferten Briefen Goethes an Friederike. Einen weiteren dieser Briefe konnte das Goethe- und Schiller-Archiv bereits 2001 erwerben, ein anderer befindet sich heute in Kraków, von den übrigen zwei Briefen fehlt nach wie vor jede Spur. Da die Ausfertigungen der hier vorliegenden Goethe-Briefe den Bearbeitern der Weimarer Ausgabe von Goethes Werken nicht vorgelegen haben, konnten sie dort nur nach dem Konzept gedruckt werden. Mit dem Erwerb der Briefe für das Goethe- und Schiller-Archiv besteht erstmals die Möglichkeit, die Briefe in der hier entstehenden historisch-kritischen Edition sämtlicher Briefe Goethes nach der Ausfertigung zu drucken.

Der Einblattdruck »Die Feier des achtundzwanzigsten Augusts dankbar zu erwiedern« gewinnt seine Bedeutung durch Goethes Widmung für die Maler-Brüder Henschel in Berlin, die zeitgenössische Abschrift des Friedrich Maximilian Klinger gewidmeten Gedichts »An diesem Brunnen …« durch eine der seltenen Zeichnungen von W. Rabe nach Samuel Rösel.

Das Konvolut der Goethe-Handschriften wird ergänzt durch zentrale Zeugnisse der Provenienzgeschichte, von denen namentlich die beiden Briefe von Eckermann an Königin Friederike aus dem Jahr 1838 von hohem Interesse für das Wirken Eckermanns und die Geschichte des Goethe-Bestandes sind.

Das Goethe- und Schiller-Archiv
Das Goethe- und Schiller-Archiv geht zurück auf die testamentarische Schenkung des Goetheschen Nachlasses durch den letzten Goethe-Enkel an die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach im Jahr 1885. Nach der Schenkung des Schiller-Nachlasses im Jahr 1889 wurde mit den ersten Planungen eines eigenen Archivgebäudes begonnen, das dem ständig wachsenden Bestand eine repräsentative Aufbewahrungsstätte sowie Forschern Arbeitsmöglichkeiten in der Nähe der Dokumente bieten sollte. Nach weiteren Zustiftungen, u.a. der Familienarchive Vulpius und Henckel von Donnersmarck, sowie Erwerbungen konnte das Gebäude 1896 als erstes Literaturarchiv Deutschlands eingeweiht werden.

Heute werden hier neben den Nachlässen von Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Büchner, Liszt und Nietzsche mehr als 130 Autorennachlässe und institutionelle Archive (u.a. der Goethe-, der Shakespearegesellschaft, der Schillerstiftung, des Insel-Verlags) aufbewahrt. Das Archiv ist eine zentrale Forschungsstätte für die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts für Gäste aus aller Welt, überdies ist es mit den laufenden Editionsunternehmen der historisch-kritischen Ausgaben der Briefe und Tagebücher Goethes, der Regestausgabe der Briefe an Goethe sowie der Herder-Briefausgabe und der »Weimarer Arnim-Ausgabe« ein Zentrum der Editionsphilologie in Deutschland.

Für weitere Informationen steht Ihnen Timm Schulze zur Verfügung (03643 | 545-113 und 0172 | 79 999 59).
Gern machen wir Ihnen auf Anfrage auch Transkriptionen und Digitalisate der Handschriften zugänglich.

Vorhaben der Klassik Stiftung Weimar werden gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Thüringen, vertreten durch die Staatskanzlei Thüringen, Abteilung Kultur und Kunst.

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