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Herzogin Anna Amalia Bibliothek etabliert neue Standards auf dem Gebiet der Mengenrestaurierung

Nach der Brandkatastrophe im Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek standen die Weimarer Buchrestauratoren vor großen Herausforderungen. Neben 50.000 Büchern, die in der Nacht zum 02. September 2004 verbrannten, wurden 62.000 Bände durch Löschwasser und Feuer teilweise erheblich beschädigt. Für sie wurden nach der Erstversorgung aufwendige Restaurierungskonzepte erstellt, die dabei der Bewältigung enormer Mengen gerecht werden mussten.

Der Umgang mit der Menge war das zentrale Thema eines Kolloquiums, das am 24. September 2011 im Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek stattfand und an dem 107 Fachleute aus 5 Ländern teilnahmen. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurden die Ergebnisse eines seit 2008 laufenden Projektes vorgestellt, das für einen Zeitraum von fünf Jahren von der VolkswagenStiftung gefördert wird. Eines der Projektziele ist die Entwicklung innovativer Methoden bei der Mengenrestaurierung der beim Brand geschädigten Ledereinbände. Bei den ca. 7.500 zu restaurierenden Ledereinbänden sollen Erfahrungen aus der Papierrestaurierung angewandt werden, um auf diese Weise Abläufe zu optimieren und neue Standardverfahren zu etablieren. Neben ganz praktischen Fragen zu spezifischen Problemstellungen – etwa zur Ästhetik in der Mengenrestaurierung oder der Schadenserhebung und Auftragszusammenstellung – standen interdisziplinäre Ansätze im Vordergrund. So wurden auch Schadensbilder und Restaurierungskonzepte aus den Bereichen der Lederarchäologie und der Ledertapetenrestaurierung vorgestellt.

Für die Durchführung der komplexen Aufgaben im Rahmen der Mengenrestaurierung wurden die Kapazitäten zur Bestandserhaltung gebündelt und zusätzliche Projektmitarbeiter eingestellt. Aktuell sind zwei wissenschaftliche Mitarbeiter mit dem Management der bestandserhaltenden Maßnahmen betraut (Koordinierung, Auftragsvergaben, Kommunikation), drei Buchrestauratorinnen unterstützen die Schadenserhebung, Musterrestaurierung und Auftragsvergabe. In der Spezialwerkstatt für brandgeschädigte Papiere arbeiten sieben Papierrestauratoren und Buchbinder.

Angesichts der reichen Überlieferungsgeschichte des Weimarer Buchbestandes ist es wichtig, die Provenienzmerkmale auf den Einbänden und in den Büchern, die Hinweise auf die Besitz- und Gebrauchsgeschichte der Bücher geben, zu erhalten. Was als ästhetischer Makel empfunden werden kann, ist eine authentische Spur der Geschichte des Buches. Für die Funktionstüchtigkeit des Bandes ist dies unerheblich. Die Spuren des Brandschadens werden nach der Restaurierung noch sichtbar bleiben. Die Restaurierungs- und Konservierungsmaßnahmen müssen zudem reversibel sein. Die Bücher sollen keine stummen Zeugen und Reliquien der Brandkatastrophe sein, sondern gebrauchsfähige Bücher, die zu Forschungszwecken in den Lesesaal entliehen oder auf Ausstellungen präsentiert werden können. Diesen Restaurierungsgrundsätzen folgend beschäftigt die Herzogin Anna Amalia Bibliothek sich mit Aspekten der Lagerung, Risikominimierung, Mengenrestaurierung ebenso wie mit der Entwicklung neuer Materialien und der Vernetzung mit der Fachwissenschaft.

Neben der Restaurierung beschädigter Bücher ist auch die Wiederbeschaffung der zerstörten Bände von besonderem Belang. Die Gesamtkosten für den Wiederaufbau der Sammlungen werden auf 67 Millionen Euro geschätzt. Aus öffentlichen und privaten Quellen steht davon heute etwa die Hälfte der Summe zur Verfügung. Um die Schließung der Deckungslücke bemühen sich die Klassik Stiftung Weimar und die Herzogin Anna Amalia Bibliothek weiterhin mit aller Kraft. Was die Restaurierungsarbeiten betrifft, so ist die Herzogin Anna Amalia Bibliothek zuversichtlich, diese im Wesentlichen bis 2015 abschließen zu können.

Für weitere Informationen stehen Ihnen zur Verfügung:

Dr. Julia Glesner | Pressesprecherin
03643 | 545-104
0172 | 84 62 910

Timm Schulze | Pressereferent
03643 | 545-113
0172 | 79 99 959

Vorhaben der Klassik Stiftung Weimar werden gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Thüringen, vertreten durch die Staatskanzlei Thüringen, Abteilung Kultur und Kunst.

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