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»Schauplatz Kosmos«. Sonderführungen der Klassik Stiftung ermöglichen einmalige Einblicke in die Kapelle des Weimarer Stadtschlosses

Vom 20. April bis zum 08. Juni 2011 bietet die Klassik Stiftung im Rahmen von Sonderführungen die Möglichkeit, den restauratorischen Prozess der Rückgewinnung eines mehrfach überformten Raumes mitzuverfolgen – der Kapelle des Weimarer Stadtschlosses, die fast fünfzig Jahre lang nicht öffentlich zugänglich war. Damit eröffnet die Klassik Stiftung zugleich die Reihe »Schauplatz Kosmos«, die die Aufmerksamkeit zukünftig immer wieder auf maßgebliche Prozesse im Rahmen der Umsetzung des Masterplans »Kosmos Weimar« der Stiftung lenken wird.

Mit dem Masterplan »Kosmos Weimar« hat die Klassik Stiftung 2008 ihr programmatisches Umgestaltungskonzept für einen Zeitraum von beinahe zwei Jahrzehnten vorgelegt. Die Ertüchtigung des Stadtschlosses zum Zentrum der Stiftung zählt dabei zu den zentralen Zielsetzungen. Im Zuge der Umsetzung des Masterplans hat vor kurzem der Restaurierungsprozess in der Schlosskapelle begonnen. Die restauratorischen Untersuchungen der Schlosskapelle bilden eine wichtige Etappe in der Umsetzung des Masterplans, anlässlich derer sich nun die seltene Gelegenheit bietet, einen Einblick in einen restauratorischen Prozess zu erhalten, in dem sich zentrale Linien des »Kosmos Weimar« schneiden.

Nach dem Brand des Stadtschlosses 1774, dem auch die ursprünglich im Ostflügel des Schloss-Vorgängerbaus untergebrachte Hofkirche zum Opfer fiel, diente die Jakobskirche als Ort für die evangelisch-lutherischen Gottesdienste des Weimarer Hofes. Es sollte fast 30 Jahre dauern, bis der Nord- und der Ostflügel des Weimarer Stadtschlosses 1803 wieder aufgebaut waren, und weitere 30 Jahre zog sich die Fertigstellung des westlichen Teils hin, bevor 1831 die Großherzogin Maria Pawlowna (1786–1859) ihre dort gelegenen Appartements sukzessive beziehen konnte.

1828 legte Clemens Wenzeslaus Coudray (1775–1845) auf Wunsch Großherzogs Carl Friedrich (1783–1853) erste Entwürfe für die Schlosskapelle in dem geplanten Pavillon an der Südseite des Westflügels vor. Nach der Errichtung des Rohbaus 1834/35 folgte ab 1844 der Ausbau. Am Palmsonntag des Jahres 1847 konnte die Kapelle geweiht werden.

Mit der Ausgestaltung wurde der Architekt Heinrich Heß (1794–1865) betraut, dem die schwierige Aufgabe zufiel, die Ideen von Erbgroßherzog Carl Alexander (1818–1901), der eigene Entwurfsskizzen vorgelegt hatte, umzusetzen. Carl Alexander hatte ein sakraler Raum in romanischen Formen vorgeschwebt, gegen die Heß vergeblich intervenierte, da er die räumlichen Dimensionen dafür als nicht geeignet ansah. Zwar blieb die Coudraysche Grundrissdisposition der Geschosse erhalten, jedoch ging mit dem Architektenwechsel ein fundamentaler Wandel der Stilformen einher: Der klassizistische Entwurf Coudrays mit den lichten zweigeschossigen Kolonnaden wurde schließlich zugunsten einer neoromanischen Auffassung des Innenraumes mit massigen Rundbogenarkaden aufgegeben.

Zur Weihe im Jahre 1847 stiftete Großherzogin Maria Pawlowna eine Reihe von Ausstattungsstücken für den neuen Kirchenraum. Anlässlich der Silbernen Hochzeit von Großherzog Carl Alexander und seiner Ehefrau Sophie (1824–1897) erfuhr die Kapelle in den Jahren 1868/69 einige Änderungen. Der Maler Hermann Wislicenus (1825–1899) schuf das Gemälde »Engelskonzert« in der Kalotte der Altarnische sowie die Engelsköpfe in den Arkadenzwickeln und schmückte die Wandflächen mit Schablonenmalerei. Die preußische Königsfamilie stiftete 1867 zu diesem Anlass ein Altarkreuz (König Wilhelm I.), ein Lesepult (ursprünglich mit Bibel, Königin Augusta) und zwei reichverzierte Kandelaber (Kronprinzenpaar Friedrich und Victoria). Diese Stücke haben sich in der Pfarrkirche von Großobringen erhalten.

Mit dem Bau des Südflügels unter Großherzog Wilhelm Ernst (1876–1923) wurde die Schlosskapelle ihres Lichteinfalls von Osten beraubt, was den Raumeindruck empfindlich stören musste. Auch die Kutschdurchfahrt unter der Kapelle, die den Gottesdienstbesuchern beim Aus- und Einsteigen vor Wind und Wetter Schutz geboten hatte, war ihrer Funktion enthoben.

Die einst dem großherzoglichen Haus Sachsen-Weimar und Eisenach als Sakralraum dienende Schlosskapelle im Süd-West-Pavillon des Weimarer Stadtschlosses wurde aus Anlass des Bach-Jahres 1950 in Bachsaal umbenannt und regelmäßig für Konzertveranstaltungen genutzt.

Zwischen 1963 und 1968 wurde in die Kapelle eine viergeschossige Stahlkonstruktion eingezogen, um den so entstehenden Raum als Büchermagazin für die damalige Zentralbibliothek der deutschen Klassik, die Vorgängerin der heutigen Herzogin Anna Amalia Bibliothek, nutzen zu können. Nach Inbetriebnahme des Tiefmagazins unter dem Platz der Demokratie diente die ehemalige Schlosskapelle der Klassik Stiftung übergangsweise als Möbeldepot. Die frühere Gestalt des von Clemens Wenzeslaus Coudray konzipierten und von Heinrich Heß verändert ausgeführten Sakralraumes konnte lange nur noch anhand historischer Fotografien nachvollzogen werden.

Seit Ende 2010 werden in der Schlosskapelle des Stadtschlosses Weimar restauratorische Befunduntersuchungen durch das Ingenieurbüro für Denkmalpflege Rudolstadt und Freilegungsarbeiten durch die Firma Nüthen Restaurierungen durchgeführt. Mit der Umnutzung der Kapelle in den 1950er Jahren zu einem Konzertsaal und später zu einem Büchermagazin mit Einbau einer Stahlkonstruktion in vier Ebenen war die historische Wandgestaltung mehrfach überfasst worden. Die Stuckaturen waren unter Spanplatten verschwunden und der kunstvoll gestaltete Boden von Stahlplatten vollständig verdeckt. Inwieweit die Fassungen jedoch tatsächlich durch Abschlagen der Putze und Stuckaturen bzw. durch Herausbrechen des Bodens verloren waren, war bis zum Beginn der jetzigen Untersuchungen unbekannt.

Die zunächst qualitative Untersuchung sollte die im Zusammenhang mit der Umnutzung im 20. Jahrhundert angebrachten Schutzanstriche entfernen und klären, inwieweit historische Fassungen nachgewiesen werden können. Im Ergebnis der Befunduntersuchung zeigte sich ein sehr umfangreicher Fassungsbestand des 19. Jahrhunderts. Es konnten nachweislich zwei Gestaltungsphasen unterschieden werden, wie sie auch in den Quellen beschrieben sind. Die erste Ausgestaltung der Schlosskapelle zwischen 1844 und 1847 zeichnet sich durch einen mehrfarbig gestalteten Kalksteinfußboden, Stuckmarmor an den Säulen und Pilastern und eine eher ruhige Fassung der Wände aus. Durch diese zurückhaltende Raumfassung lag die Betonung ganz auf den Architekturelementen mit ihren edlen Oberflächen. Diese Fassung konnte jedoch zum Teil nur noch fragmentarisch festgestellt werden. Die in den Jahren 1868 bis 1869 angebrachten Wislicenus-Malereien, insbesondere das »Engelskonzert«, waren dagegen weitgehend erhalten. In einer sich anschließenden quantitativen Untersuchung wurde der Erhaltungszustand der beiden Gestaltungsphasen aus dem 19. Jahrhundert erkundet, um entscheiden zu können, welche Fassung sich zur Wiederherstellung eignet und welcher Aufwand dafür zu betreiben sein würde. Nach jetzigem Erkenntnisstand wurden die Wandoberflächen mit der Ausgestaltung von 1868/69 vermutlich mit einer wachsartigen Substanz überzogen, um einen feinen Seidenglanz der Oberflächen zu erzeugen. Durch diese Behandlung haben sich die Farbschichten nicht intensiv miteinander verbunden und es ist heute möglich, den Überstrich zu entfernen.

Die Klassik Stiftung Weimar beabsichtigt in Abstimmung mit den zuständigen Denkmalschutzbehörden diese zweite Fassung von 1868/69 wieder sichtbar zu machen. Die Raumfassung soll schonend konserviert und sensibel ergänzt bzw. retuschiert werden. Im Rahmen der Restaurierung ist der Rückbau der Stahlkonstruktion angestrebt, um den Raumeindruck des 19. Jahrhunderts wiederzugewinnen. Für den Zeitraum der Freilegung und der anschließenden Restaurierung wird die Stahlkonstruktion jedoch zunächst noch als Arbeitsplattform benötigt. Für kurze Zeit bieten sich so auch Besuchern einmalige Perspektiven und Einblicke.

Im neu gestalteten Pressebilder-Bereich unserer Webseite stellen wir Ihnen Bildmaterial zur Schlosskapelle zur Verfügung:
svdmzweb01.klassik-stiftung.de/index.php

Für weitere Informationen steht Ihnen Timm Schulze zur Verfügung (03643 | 545-113 und 0172 | 79 999 59).

Führungen
»Schauplatz Kosmos. Die Kapelle im Weimarer Stadtschloss«
Mi | 20./27. April, 04./11./18./25. Mai, 01./08. Juni | jeweils 15 Uhr
Die Teilnahme ist kostenfrei. | Die Teilnehmerzahl ist auf 15 Personen begrenzt.
Treffpunkt:
Stadtschloss Weimar | Löwenportal Burgplatz 4 | 99423 Weimar

Anmeldung
veranstaltungen@klassik-stiftung.de
Tel +49 (0) 36 43 | 545-107

Information
Besucherinformation Stand der Klassik Stiftung Weimar in der Tourist-Information
Markt 10 | 99423 Weimar
Tel +49 (0) 3643 | 545-400
Fax +49 (0) 3643 | 41 98 16
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svdmzweb01.klassik-stiftung.de

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