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Wege zur Restaurierung von 40 000 Büchern


Die Restaurierung der bei der Brandkatastrophe im September 2004 schwer beschädigten Bücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist vom 2. bis 4. Juni Thema einer internationalen Fachtagung in Leipzig. Mehr als 100 Experten u.a. aus Deutschland, Schweden, Finnland, Dänemark und den Niederlanden werden sich vor allem mit Fragen einer Restaurierungs- und Konservierungsstrategie für die Weimarer Buchbestände sowie den Möglichkeiten der Restaurierung von hitze-, wasser- und brandgeschädigten Materialien auseinandersetzen. Auch Probleme der Digitalisierung von verbranntem Schriftgut, der Einfluß von Löschmittelzusätzen sowie die Bekämpfung von Brandgerüchen sollen diskutiert werden. Zu den Referenten der Tagung zählen Spezialisten für innovative Restaurierungsverfahren wie Prof. Robert Fuchs vom Kölner Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften und Istvan Kecskemeti vom Institut für Kunst und Design in Vantaa, Finnland, außerdem Dr. René Larsen, Leiter der Konservatorskolen in Kopenhagen, einer der bedeutendsten Ausbildungsstätten für Restauratoren in Europa. Aus Schweden wird Per Cullhed von der Universitätsbibliothek Uppsala erwartet, der als einer von wenigen über Erfahrungen mit brandgeschädigten Büchern berichten kann.
Für die Restaurierung der durch Feuer und Wasser beschädigten wertvollen Bücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek gibt es nach den Worten von Dr. Jürgen Weber, stellvertretender Direktor und zuständig für Bestandserhaltung in der Weimarer Bibliothek, keine Routineverfahren. Typische Schäden sind Ascheablagerung zwischen den Buchseiten, durch extreme Temperaturen geplatzte Pergamentrücken, verbrannte Ledereinbände und Buchdeckel, die sich kaum oder nicht mehr öffnen lassen. Den durch die Flammen in Mitleidenschaft gezogenen Bänden drohen zudem bei den bislang bekannten Methoden der Behandlung weitere Verluste. Auch eine schonende Technologie, den scharfen Brandgeruch der Bücher zu tilgen, ohne die Materialien zusätzlich anzugreifen, ist noch nicht gefunden. Durch den Austausch mit Experten und erfahrenen Restaurierungswerkstätten sowie Ausbildungswerkstätten für Restauratoren will die Bibliothek deshalb gezielt Forschungsprojekte zu Spezialthemen, wie beispielsweise der Rekonditionierung hitzegeschädigter Ledereinbände, initiieren. Die Leipziger Tagung wird in diesem Kontext eine wesentliche Etappe auf dem Weg zu einer Restaurierungstrategie für die Wiederherstellung der Weimarer Buchbestände markieren.
Von den 62 000 Büchern, die in der Nacht vom 2. auf den 3. September vergangenen Jahres aus der brennenden Herzogin Anna Amalia Bibliothek zum Teil schwer beschädigt gerettet wurden, können nach bisherigen Schätzungen ca. 40 000 restauriert werden. Acht Monate nach dem Brand sind nach der Erstversorgung und Gefriertrocknung im Leipziger Zentrum für Bucherhaltung 33 000 Bände nach Weimar zurückgekehrt. Für sie beginnt im Juli eine aufwendige Schadensanalyse, bei der in einem eigens entwickelten Schadensprotokoll für jeden einzelnen Band neben Zustandsmerkmalen u.a. auch Provenienz, handschriftliche Eintragungen und Besitzvermerke erfaßt werden. Die Daten werden anschließend in kodierter Form in die zugehörigen Datensätze des online-Kataloges übertragen, so daß auf rationelle Weise Schadensklassen gebildet und entsprechende Restaurierungsaufträge vorbereitet werden können. Die Bücher mit leichten bis schweren Wasserschäden wurden für diese Analyse nach Einbandmaterialien wie Leder, Papier und Pergament vorsortiert.
Von den brandgeschädigten Büchern sind bisher nur ca. 800 wieder in Weimar, die jeweils einzeln, in Kartons aus säurefreiem Papier verpackt, gelagert werden müssen. Die noch in Leipzig verbliebenen, zum Teil sehr schwer durch Feuer beschädigten Bände, werden voraussichtlich erst Ende dieses Jahres nach Weimar zurückkehren.
Die exakte Schadensermittlung wird voraussichtlich bis zum Jahresende 2006 andauern. Für die Restaurierung und Wiederherstellung der Bestände der Herzogin Anna Amalia Bibliothek muß mit einem Zeitraum von etwa zwei Jahrzehnten und Kosten in Höhe von 67 Millionen Euro gerechnet werden. Die Spenden, die seit September vergangenen Jahres vorrangig für die Restaurierung der Bücher eingegangen sind, belaufen sich auf rund 4,5 Millionen Euro. Einer Initiative von Altbundeskanzler Helmut Schmidt folgend stellten deutsche Stiftungen in der vergangenen Woche 500 000 Euro bereit. Zusätzlich hat die Vodafone-Stiftung eine Summe von fünf Millionen Euro zugesagt.
Die Fachtagung zur Restaurierung der brand- und wassergeschädigten Bücher der Weimarer Bibliothek wird von der Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Archiv-, Buch- und Graphikrestauratoren veranstaltet und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Auch die ZFB-Stiftung zum Erhalt von Büchern und Dokumenten unterstützt die Konferenz. Der Objekt- und Buchkünstler Wolfgang Nieblich zeigt am Tagungsort eine Ausstellung (Vernissage: 2. Juni, 18.30 Uhr) mit Arbeiten zum Thema »Die Bibliothek brennt«. Die Kunstwerke werden anschließend zum Verkauf angeboten; 30 Prozent des Erlöses kommen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zugute.
(Weitere Infos unter : www.tagung-haab.de)

Vorhaben der Klassik Stiftung Weimar werden gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Thüringen, vertreten durch die Staatskanzlei Thüringen, Abteilung Kultur und Kunst.

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