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14.08.2020

„Hermann und Dorothea“ als Feldlektüre

Herzogin Anna Amalia Bibliothek ersteigert wertvolles Widmungsexemplar

 Zum Widmungsexemplar von „Hermann und Dorothea“ in den Digitalen Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Im Juli 2020 hat die Herzogin Anna Amalia Bibliothek beim Auktionshaus Hesse in Hamburg ein bedeutendes Exemplar von Johann Wolfgang von Goethes „Hermann und Dorothea“ ersteigert. Inzwischen ist es in der Bibliothek eingetroffen. Der Band von 1814 enthält eine eigenhändige Widmung Goethes für „Herren Leutenant Gauby zu Unterhaltung und Andencken im Felde“ vom 3. April 1815. Auch ein zweiseitiges Empfehlungsschreiben des Dichters für Gauby ist in das Widmungsexemplar einmontiert.

Philipp Wilhelm Ludwig Gauby, „der kleine Spanier“, wie ihn Goethe in seinem Tagebucheintrag vom 4. September 1811 nannte, diente seit 1810 im sachsen-weimarischen Militär. Am Tag der Buchwidmung, dem 3. April 1815, marschierte das Weimarer Linien-Infanterie-Bataillon als Teil des preußischen Heeres zum Feldzug gegen Napoleon ab. Goethe gab Gauby „Hermann und Dorothea“ als Feldlektüre mit und lobte ihn in seinem Empfehlungsschreiben:

„Herr Philipp Gauby, gebürtig aus Tarragona in Catalonien, gegenwärtig 23 Jahr alt, ward im März 1810 als Dollmetscher bey den Herzogl. Sächss. In Spanien kriegführenden Truppen angestellt, so wie im Februar 1811 zu Agde beym Weimar. Bataillon als Junker. Im Jahr 1812 wohnte er als Sergent dem Russischen Feldzuge bey, gelangte bis Danzig, von wo er im Februar 1814 zurückkam und sogleich wieder als Lieutenant nach Frankreich marschierte. Seit dem abgeschlossenen Frieden aber in Weimar in Garnison stand, und nunmehr zum zweytenmal, den Feldzug gegen Frankreich unternimmt.

Dieser junge Mann hat sich durch sein Betragen die Gunst und das Zutrauen seiner Vorgesetzten, aller Derer die ihn näher kennen, und auch die meinige erworben, deshalb ich keinen Anstand nehme, ihn meinen Freunden, zu denen ihn das Geschick führen könnte, hiermit zu empfehlen, und zu versichern, dass ich es dankbar erkennen werde, wenn sie ihm etwas Freundliches und Förderliches gelegentlich erzeigen mögen.

Weimar d 3. Apr. 1815.

JWvGoethe“

Gauby wurde 1815 Premierleutnant, 1820 Stabskapitän und zuletzt Major. Er starb 1847 in Kissingen. Goethe erwähnte ihn noch mehrfach in seinen Tagebüchern und Briefen.

Das ersteigerte Widmungsexemplar enthält auf dem Innendeckel das Exlibris-Schildchen „Aus der Bibliothek Joh. Wolfgang v. Goethe’s“. Dieses Exlibris stammt aus den späten 1840er-Jahren. Es wurde vom Goethe-Enkel Walther von Goethe entworfen und in alle Bücher der Goethe-Bibliothek in seinem Wohnhaus eingeklebt. Goethes Widmungsexemplar an Gauby von 1815 muss sich im Rahmen der Erstpublikation des Briefes 1885 vorübergehend am Goethe-Nationalmuseum befunden haben und wurde wohl zu diesem Zeitpunkt – quasi als „Echtheitszertifikat“ – mit dem Exlibris versehen.

Vorhaben der Klassik Stiftung Weimar werden gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Thüringen, vertreten durch die Staatskanzlei Thüringen, Abteilung Kultur und Kunst.