Parerga und Paratexte

Wie Dinge zur Sprache kommen

Direktion/ReferatMuseen
ProjektverantwortungProf. Dr. Wolfgang Holler, Weimar; Prof. Dr. Johannes Grave, Bielefeld; Dr. Christiane Holm, Halle-Wittenberg; Prof. Dr. Cornelia Ortlieb, Erlangen-Nürnberg
Laufzeitvon 2015 bis 2018

Wie kommen Dinge zur Sprache? Auf welche Weise lassen sie sich ansprechen, werden aussagekräftig oder sprechen gar selbst? In der aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskussion dieser Fragen dominieren zwei Ansätze: Entweder werden Dinge als Bedeutungsträger und somit als Zeichen eines übergeordneten Sprachsystems aufgefasst oder aber ihnen wird der Status von sprachmächtigen Akteuren zugewiesen. Das Projekt problematisiert beide Ansätze und sucht nach einer dritten Position, deren Ausgangspunkt Goethes Konzeption eines „Gesprächs mit den Dingen“ ist, das eine Subjekt-Objekt-Dichotomie in Frage stellt.

Das Projekt profitiert von dem kulturgeschichtlichen Glücksfall, dass sich in Goethes umfangreichen Kollektionen nicht nur die Objekte selbst, sondern ebenso Sammlungsmöbel, Sockel, Vitrinen, Objektbeschriftungen, Etiketten und anderes mehr erhalten konnten. Der exzeptionelle Bestand dieser vermeintlich trivialen Parerga und Paratexte geriet bisher jedoch kaum in das Blickfeld der Forschung. Gerade in der Zusammenschau der materiellen und textuellen Zurichtungen von Sammlungsobjekten mit der dichten Überlieferung archivalischer Quellen und autobiographischer Texte lassen sich konkrete Sammlungspraktiken rekonstruieren. In wechselseitiger Erhellung zu diesem praxeologischen Zugang steht die Analyse der in den naturwissenschaftlichen, kunsttheoretischen und literarischen Texten Goethes reflektierten Sprachfähigkeit der Objekte.

Das Projekt besteht aus vier Teilen an unterschiedlichen Standorten:

Parergonale Rahmungen

Das Teilprojekt „Parergonale Rahmungen. Zur Ästhetik wissenschaftlicher Dinge bei Goethe“ (Standort Bielefeld) nimmt die Parerga, das heißt Rahmungen, Sockel, Träger, Etuis, Etiketten et cetera, von Objekten in Goethes wissenschaftlichen Sammlungen in den Blick. Ziel ist, die Rolle von Parerga bei der Konstitution von epistemischen Gegenständen genauer zu bestimmen und deren Relevanz für den praktischen Umgang mit Dingen zu analysieren. Zu diesem Zweck werden die Objekte, ihre vielfältigen parergonalen Rahmungen sowie die erhaltenen Zeugnisse zu Goethes alltäglicher Praxis untersucht.

Projektbearbeiterin: Dr. Valérie Kobi

Vogelpräparate aus Goethes Sammlung

Paratextuelle Zurichtungen

Im Teilprojekt „Paratextuelle Zurichtungen. Beschriftungen an und zu Dingen“ (Standort Erlangen)  stehen die nicht systematisch gesammelten „Varia“ wie Gebrauchsgegenstände, Gaben und Gelegen-heitsgeschenke gemeinsam mit den Texten, die sie als Para- oder Peritexte rahmen und konstituieren, im Mittelpunkt. Das Projekt möchte insbesondere zur Konturierung des Interaktionsverhältnisses von Ding und Schrift sowie seiner materialen Bedingungen und Bedingtheiten beitragen.

Projektbearbeiterin: Gudrun Püschel

Goethes geheimnisvolle Blitzkugel

Epistemische Möbel

Im Zentrum des Teilprojekts „Epistemische Möbel“ (Standort Halle) stehen die Sammlungsmöbel, die nicht als neutrale Behältnisse von wissenschaftlichen Objekten, sondern als konsequent durch erkenntnispraktische Anliegen geformte ‚epistemische Möbel‛ analysiert werden sollen. Dabei sind diese Möbel nicht nur durch vorgängige Erkenntnisinteressen disponiert, sondern sie formen ihrerseits die wissenschaftlichen Praktiken nachhaltig. Neben der Analyse des Bestands von etwa 50 Einzelstücken, ihrer Formentwicklung und Gebrauchsgeschichte gilt es auch Ensembles von Wahrnehmungs- und Studiensituationen zu rekonstruieren.

Projektbearbeiterin: Dr. Diana Stört

Goethes Majolika-Schränke

Präsentations- und Ordnungsformen in Goethes geowissenschaftlicher Sammlung

Das Teilprojekt „Präsentations- und Ordnungsformen in Goethes geowissenschaftlicher Sammlung“ (Standort Weimar) beschäftigt sich mit Goethes mehr als 18.000 Stück zählender Mineral-, Gesteins- und Fossiliensammlung. Ihre goethezeitlichen Bezüge in Etikettierung, Katalogisierung und Möblierung sind weitgehend erhalten geblieben, was sie zu einem einzigartigen Untersuchungsgegenstand für epistemische und sammlungspraktische Fragen macht.

Projektbearbeiter: Dr. Thomas Schmuck

Goethes geowissenschaftliche Sammlung

Die Verschränkung der vier Fallstudien mit weiteren Arbeitsformaten wird den interdisziplinären Zugang, die internationale Sichtbarkeit sowie die Vermittlung an ein breites Publikum gewährleisten. Ein regelmäßig tagender Arbeitskreis befasst sich mit der Diskussion der Zwischenergebnisse und der Fortentwicklung konzeptioneller Fragestellungen. Dabei sollen kultur- und naturwissenschaftliche Ansätze verfolgt sowie theoriegeleitete mit der bestandsbezogener und restauratorischer Arbeit am Objekt verbunden werden. Zudem werden in kleinen experimentell angelegten Kurzfilmen ausgewählte Objekte und Praktiken vorgestellt. Zwei internationale Tagungen mit Partnern der Wissensforschung in Leiden und Luzern reflektieren und kontextualisieren die Ergebnisse des Projektes.

Kontakt

Vorhaben der Klassik Stiftung Weimar werden gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Thüringen, vertreten durch die Staatskanzlei Thüringen, Abteilung Kultur und Kunst.

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