Zurück zur Übersicht

Klassik Stiftung feiert 325-jähriges Gründungsjubiläum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek mit einem Festakt – Direktor Michael Knoche wird nach 25-jähriger Amtszeit verabschiedet

Portraitaufnahme Dr. Michael Knoche, 28. Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
Sonderausgabe SupraLibros (September 2016, Heft 19) der Gesellschaft der Anna Amalia Bibliothek e.V.

Heute, am 30. September 2016, feierte die Klassik Stiftung Weimar das 325-jährige Gründungsjubiläum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek mit einem Festakt im Deutschen Nationaltheater Weimar. Das Gründungsjubiläum der Bibliothek fällt mit dem Ende der 25-jährigen Amtszeit ihres Direktors Michael Knoche zusammen.

Benjamin-Immanuel Hoff, Chef der Staatskanzlei, Minister für Kultur, Europa- und Bundesangelegenheiten und Vorsitzender des Stiftungsrates der Klassik Stiftung Weimar erklärte: »Wir ehren heute eine über drei Jahrhunderte alte, einzigartige Bibliothek. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist ein außergewöhnlicher Ort, an dem jährlich Tausende Besucherinnen und Besucher durch Räume und Themen flanieren.?« Hoff würdigte die Leistungen von Michael Knoche: »Die Bilder, als die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Flammen stand, sind nicht vergessen. Damals sind kulturelle Schätze unwiederbringlich verlorengegangen. Auch Michael Knoche ist großer Dank zu zollen, dass das Historische Bibliotheksgebäude 2007 wiedereröffnet werden konnte. Damit hat er einen unschätzbaren Beitrag zum Erhalt der vielfältigen Thüringer Kulturlandschaft geleistet.« Ebenso wie Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, sprach auch Thomas Bürger, Generaldirektor der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden und Vorsitzender des Kuratoriums der Gesellschaft der Anna Amalia Bibliothek e.V. ein Grußwort: »Mit ruhiger, kluger Hand hat Michael Knoche 25 von 325 Jahren Weimars berühmte Bibliothek geleitet. Wiedervereinigung und Heerscharen prominenter Besucher, Bau und Brand, digitale Transformation und Vernetzung waren enorme Herausforderungen. Entstanden ist eine einladende Forschungsbibliothek für Gäste aus aller Welt. Dass Michael Knoche sich auch künftig hin und wieder Zeit nimmt, zu forschen und zu schreiben, das wünschen sich seine Leser und Freunde.« Den Festvortrag hielt Jürgen Kaube, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Am Ende des Festaktes, den Michael Rische am Klavier mit Werken von Carl Philipp Emanuel Bach und Franz Liszt umrahmte, bedankte sich Michael Knoche für die Glückwünsche, richtete sein Augenmerk jedoch auf die Zukunft. »Auf dem Weg zur Forschungsbibliothek« hat Michael Knoche sein jüngstes Buch genannt. Die Forschungsbibliotheken dürften ihren Auftrag, gedruckte Literatur zu sammeln, auch im digitalen Zeitalter nicht vorschnell aufgeben, lautet eine seiner zentralen Thesen. Für die nicht-analogen Medien müsse der Sammelauftrag unter den Bibliotheken arbeitsteilig organisiert werden. Knoche plädiert für eine neue Allianz zwischen der kultur- und geisteswissenschaftlichen Forschung und den Bibliotheken.

Zur Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und ihrem Direktor Michael Knoche

Zur Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Im Jahr 1990 hatten die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur die Direktorenstelle der Zentralbibliothek der deutschen Klassik zur Neubesetzung ausgeschrieben. Zwischen der Bewerbung Michael Knoches und seiner Einstellung 1991 lag der Tag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Michael Knoche hat Germanistik, Theologie und Philosophie in Tübingen studiert, wo er auch im Fach Germanistik promoviert wurde. Seine Bibliothekarsausbildung absolvierte er an der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe und am Bibliothekarlehrinstitut in Köln, bevor er fünf Jahre am Lehrstuhl für Bibliothekswissenschaft der Universität Köln und vier Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Springer-Verlags in Heidelberg arbeitete. 1991 leitete er die philologische Abteilung des Erich Schmidt Verlags in Berlin, als ihn die Zusage aus Weimar erreichte. Michael Knoche ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und hat außerdem den Gutenberg-Preis der Stadt Mainz und der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft erhalten. Auf eine annähernd 25-jährige Dienstzeit haben es in 325 Jahren Bibliotheksgeschichte seit 1691 nur zwei Bibliotheksdirektoren gebracht: Johann Christian Bartholomaei (1753–1778) und Friedrich Christoph Ferdinand Spilcker (1780–1804). Goethes 35-jährige Oberaufsicht über die Bibliothek bleibt konkurrenzlos.

Die Jahre seit der Wiedervereinigung zählen zu den bewegtesten und bewegendsten in der 325-jährigen Bibliotheksgeschichte. Zahlreiche gekrönte Häupter, Staats- und Regierungschefs besuchten die Weimarer Bibliothek, darunter der japanische Tenno Akihito und der französische Präsident Mitterand. Sie besichtigten den Rokokosaal der Bibliothek als Sinnbild für Weltliteratur und klassische Bildung. Mit der Umbenennung der (Zentral-)Bibliothek der deutschen Klassik zur Herzogin Anna Amalia Bibliothek fanden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jahr 1991 unaufgeregt einen Namen für den Neuanfang. Im Jahr 1998 erklärte die UNESCO die Weimarer Klassikerstätten zum Weltkulturerbe, 1999 feierten Millionen Besucher die Kulturhauptstadt Europas.

In der Nacht vom 2. auf den 3. September 2004 brannte die Bibliothek. Wie Michael Knoche und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Wiederaufbau des Gebäudes und der Buchbestände gelang, hat er in seinem Bericht »Die Bibliothek brennt« beschrieben. Die Jahre nach dem Brand waren durch die Rekonstruktion und Restaurierung der durch Feuer und Löschwasser zerstörten oder geschädigten Bestände geprägt. Hinzu kamen systematische Provenienzermittlungen, insbesondere zu NS-Raubgut, der Ausbau und die Erschließung historischer Sammlungen, Digitalisierungsprojekte und die Unterstützung kulturwissenschaftlicher Forschungsvorhaben. Der zehn Jahre nach dem Brand zum »10. Nationalen Aktionstag für die Erhaltung schriftlichen Kulturgutes« veröffentlichte Appell aus Weimar, schriftliches Kulturgut original zu bewahren und zugleich digital verfügbar zu machen, hat den nationalen und internationalen Diskussionen und politischen Aktivitäten zum Schutz des kulturellen Erbes neuen Auftrieb gegeben.

Nach dem Brand wurden 118.000 Bücher und Buchreste geborgen. Innerhalb der drei Schadensgruppen umfassten die Ruß- und Rauchschäden 56.000 Bücher und Grafiken, die durch Ruß und Rauchgase sowie durch Holzschutzmittel und Pestizide in Folge einer Behandlung des Dachgeschosses und der Regale in den 1970er-Jahren belastet worden waren und bis 2013 dekontaminiert wurden. Weitere 37.000 Bücher hatten durch die enorme Hitzewirkung erhebliche Schäden an den Einbänden erlitten und waren zusätzlich so stark vom Löschwasser durchnässt, dass sie vor einer Behandlung gefriergetrocknet wurden. Bis auf wenige Spezialfälle sind alle Bücher dieser Schadensgruppe restauriert. In der Gruppe der sogenannten Aschebücher wurden 25.000 Bergungseinheiten aus dem Brandschutt gerettet. Sie waren äußerlich verkohlt, hatten aber teilweise intakte Buchblöcke. Bis heute konnten etwa 3.200 Bände dieser Kategorie bearbeitet werden.

Zwölf Jahre nach dem Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek hat die Zahl der neu erworbenen alten Bücher im Wiederbeschaffungsprogramm die Zahl 50.000 überschritten. Dies entspricht in etwa der Zahl der Bücher, von denen anzunehmen ist, dass sie am 2. September 2004 komplett zerstört wurden. Davon sind knapp 10.000 Bände mit den Verlusten bibliographisch identisch.

Seit heute bietet die Klassik Stiftung Weimar auf ihrer Internetseite drei 360°-Panoramen an, über die der Rokokosaal in den Zuständen »Vor dem Brand«, »Nach dem Brand« und »Nach der Restaurierung« zu erleben ist.

Vorhaben der Klassik Stiftung Weimar werden gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Thüringen, vertreten durch die Staatskanzlei Thüringen, Abteilung Kultur und Kunst.

Der Internetauftritt der Klassik Stiftung Weimar verwendet Cookies, um Ihnen einen optimalen Service zu bieten. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden. Zur Datenschutzerklärung

Verstanden